Verfasst von: markusgaertner | Juni 10, 2010

Durchsichtige Bankenpropaganda

Geldhäuser starten weltweite Kampagne

gegen schärfere Regulierung

Vancouver, 11. Juni 2010

So viele Schlagzeilen hat selbst Josef Ackermann nicht oft bekommen. Die Nachrichten-seiten in Internet quollen am Donnerstag über mit den Warnungen des Institute of International Finance (IIF), dessen Vorsitzender der Deutsche Bank-CEO ist. Das IIF, die Lobbyorganisation und Speerspitze 400 großer internationaler Banken, publizierte am Donnerstag

eine gepfefferte Warnung: Die Einführung der schärferen Kapitalbestimmungen und eine strengere Regulierung der Branche insgesamt könne in der Eurozone, Japan und den USA bis 2015 jeweils 0,6 Prozentpunkte BIP-Wachstum kosten und unter dem Strich 10 Millionen Arbeitsplätze vernichten.

Boff !

Doch das war nur der dickste Kanonenschuss in der Artillerie-Salve, die die Geldbranche am Donnerstag auf die Gesetzgeber und die Öffentlichkeit in den genannten Ländern und Regionen abfeuerte.

Während das IIF in Wien bei seiner Tagung die horrenden Zahlen verbreitete – würden sie stimmen, sie hätte im ersten Quartal 2010 die Wirtschaft der Eurozone (+0,5%) zurück in die Rezession geschleudert – gab der europäische Bankenverband in Brüssel flankierendes Feuer.

Die neuen Bankenregeln könnten die Eurozone bis 2014 im Würgegriff der Rezession behalten, oder zumindest an die BIP-Nullinie drücken.

So ziemlich jeder Banker mit einem Blog, Analystendienst, Kunden-Newsletter oder einem anderen Meinungs-Vertriebsweg gab am Donnerstag Ähnliches von sich. Eine weltweite Kampagne, bestens abgestimmt.

Das reichte bis hin zu mir nach Kanada. Die Top-Ökonomin – und in Kanada weithin geschätzte – Sherry Cooper bei der BMO Financial Group in Toronto gab ebenfalls ihren Senf zu diesem alarmistischen Szenario: „Die wahre Gefahr für Amerika und Europa“, polterte Cooper, „ist, dass die anstehenden Finanzreformen Kredite an kreditwürdige private Haushalte und Firmen abwürgen werden“.

Ganz selten fanden gestern in den ersten Medienberichten und Blogger-Analysen andere Stimmen Gehör und Berücksichtigung. Zum Beispiel die von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, der den Bankern bei deren Treffen in Wien ins Stammbuch schrieb, dass es bei diesen Bankenreformen um mehr gehe als um Wachstum und das Wohlergehen der Finanzwirtschaft.

„Die Erholung sollte in breiteren Maßstäben gemessen werden als nur in der Wieder-aufnahme des BIP-Wachstums und einer Rückkehr zu vertrebaren Haushaltspositionen“, sagte Trichet den Bankern beim exklusiven Abendessen in der Kaiserlichen Reitschule. (Die darf man sich ja gönnen).

Nach Trichets Ansicht geht es bei den Reformen ebenso „um eine volle Wiederherstellung des Vertrauens in unsere Finanzinstitutionen; diese erfordert das Heilen der Wunden, die unseren Gesellschaften und der realen Wirtschaft durch das verantwortungslose Verhal-ten einiger Finanzakteure zugefügt worden sind“.

Nicht schlecht, Herr Trichet, das kann man Leuten, die nur an Renditeoptimierung denken und darüber alles andere vergessen, wirklich nicht oft genug sagen.

Aber eines hat selbst Herr Trichet vergessen, und das straft die Zahlen, die das IIF heute präsentierte als unglaubliche Angstmacherei, mit der Politiker und Gesellschaft eingeschüchtert werden sollen, bevor sie über die anstehenden Reformen entscheiden.

Es geht um eine Rede, die kein Geringerer als der Leiter der Geld- und Wirtschafts-abteilung bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, Stephen Cecchetti, am 8. Juni anlässlich der Asia Banking and Finance Conference der Notenbank von San Francisco hielt.

Cecchettis Worte, die ich gleich zitieren werde, hätte in unserem Zusammenhang bei weitem nicht so viel Gewicht, wäre er nicht zu Beginn dieses Jahres vom Financial Stability Board und dem Basel Committee on Banking Supervision beauftragt worden, als Chef eines eigens gebildeten Ausschusses – und zusammen mit dem IWF – die Auswirkungen der geplanten Kapitalrichtlinien auf die Volkswirtschaften zu untersuchen.

Cecchettis Fazit: Die Auswirkungen sind gering, und selbst die geringen Auswirkungen werden aufgewogen von den Vorteilen der Bankenreform: weniger Volatilität im Wachstum, weniger Krisen und kleinere Risikoprämien quer durch alle Transaktions-klassen.

Diese Äußerung und Bewertung – man kann es nicht anders sagen – entlarvt das, was das IIF und seine angeschlossenen Chöre heute von sich gaben, als das was es ist: Pure Angstmacherei und Propaganda von Leuten, die es gewohnt sind das zu bekommen, was sie von korrumpierten Politikern wollen.

Und wenn sie auf deren Seite in der Politik Widerstand spüren – wie zurzeit, weil sie Steuergelder genommen aber rein gar nichts für unsere Gesellschaften getan haben – dann jagt man eben den Wählern dieser Politiker direkt gehörige Angst ein. Die Warnung vor Jobverlusten zieht allemal, wenn schon so viele ihren Arbeitsplatz verloren haben.

Hier das Zitat von Stephen Cecchetti über die ersten Befunde der von ihm geleiteten Arbeitsgruppe:

„Using a variety of models, we are looking at how different scenarios for stronger capital and liquidity rules will affect baseline forecasts for credit, investment and growth. Our preliminary findings are reassuring. Assuming that banks have enough time to implement the changes, the impact on GDP is likely to be mild. Indeed, the impact is likely to fall far below the typical size of typical revisions to the GDP gap, much less any actual forecast errors. Furthermore, these modest costs will be offset by the significant gains that the new policy is likely to deliver: reduced volatility in GDP, less frequent crises, and lower risk premia across the board. Overall, this suggests that we are on the right track towards a system that better balances resilience against sustainable growth.“

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