Verfasst von: markusgaertner | Juni 6, 2010

Spartacus am Fließband

Soziale Spannungen könnten unsere Demokratien gefährden

Vancouver, 6. Juni 2010

Hu ah, hu ah, hu ah: Im neuen VW-Werk in Chattanooga stemmen die frisch eingestellten Arbeiter fleißig Hanteln und machen Streckübungen, noch bevor der Wolfsburger Konzern im kommenden Jahr das Fließband anwirft und die Produktion hochfährt, um Toyota

Dampf zu machen.

Die bis zu 2.000 Arbeiter sollen erstmal ihren Körper fit machen, bevor sie Autos bauen. Täglich zwei Stunden wird dafür im „Gym“ geschuftet, damit hier später „Industrie-Athleten“ bei der Fertigung Höchstleistung bringen.

Das ist eine Weltneuheit in dem deutschen Konzern. Und auch im länd-lichen Tennessee, von wo die Chattanooga Choo Choo stammt, ist das etwas außerordentlich neues.

Spartacus war jener Sklave und Gladiator, der im dekadenten Rom der Spätphase einen der größten Aufstände anzettelte

Doch der Versuch, Produktions-Muskelprotze heranzuziehen passt durch-aus in das globale Geschehen während der laufenden Krise.

Die Firmen haben nämlich in rauen Zeiten kräftig Personal abgebaut, allein in den USA über acht Millionen Stellen. Die, die noch einen Job haben, müssen oft länger arbeiten, in vielen Fällen für weniger Lohn. Mit Über-stunden werden in zahlreichen Konzernen und Mittelstandsfirmen die Lohn-stückkosten gedrückt.

Das führt mancherorts so weit, dass den Mitarbeitern die Sicherung durchbrennt. Bekannt sind die Fälle des Elektronikherstellers und iPod-Produzenten Foxconn. Weniger bekannt sind die Selbstmorde bei Disneyland in Paris, wo noch 1,9 Mrd. Euro Schulden aus der Bau- und Anlaufphase des Phantasieparks in den Büchern stehen.

Das sorgt dafür, dass bei rückläufigen Besucherzahlen der Schuldendienst die geringen Überschusse des Freizeitparks ins Minus drückt. Die Löhne wurden eingefroren, viele Saison- und Ferienjobs gestrichen. Die noch fest angestellten müssen härter arbeiten.

Einer der Disney-Beschäftigten, die den Freitod wählten, war ein Koch. Er beklagte sich im Abschiedsbrief über entwürdigende Behandlung am Arbeitsplatz.

Der Druck auf die Belegschaften in ungezählten Firmen nimmt seit Monaten zu. Dass er erfolgreich ausgeübt wird, sieht man an der steil aufragenden Produktivitätskurve, zum Beispiel in den USA (siehe Grafik).

GRAFIK der Fed in St. Louis. Sie zeigt, wie steil die Produktivität in den USA seit Aus-bruch der Krise ansteigt, Konsequenz von Entlassungen und strammen Investitionen in die Automatisierung.

Aber auch ohne Grafik kann man sich denken, was derzeit in vielen Fabriken passiert. Bei hoher Arbeitslosigkeit, wackelnden Banken, versie-genden Kreditströmen und einem mög-lichen Rückfall in die Rezession gibt es nur eins: Ärmel hoch, schuften bis zum Umfallen und hoffen, dass man nicht der nächste im Streichkonzert sein wird.

Die schwachen Arbeitsmärkte in Europa und den USA – wo die versteckte Arbeitslosigkeit nach allgemeiner Einschätzung bei etwa 20% ist – üben enormen Druck auf diejenigen aus, die noch Arbeit haben.

Und wer seinen Job erst einmal verloren hat, bekommt so schnell keine neuen. 46% der Arbeitslosen in den USA gelten nun als Langzeitarbeits-lose, die schon seit mindestens sechs Monaten vergeblich einen neuen Job suchen.

Nicht nur ist der Prozentsatz so hoch wie nie zuvor. Es kommt auch immer öfter vor, dass in Stellenanzeigen ganz offen geschrieben wird, „Arbeits-lose brauchen sich erst gar nicht zu bewerben“ (siehe Grafik).

In den USA gibt es somit eine wachsende Unterklasse von Job-Habenichtsen, die auf absehbare Zeit nicht wieder in eine Anstellung gelangen, selbst wenn die versprochene Erholung irgendwann wirklich kommt.

Der US-Starblogger Philip Davis sieht darin die Vorstufe zu drohenden Unruhen.

Zitat aus Philip Davis,  SeekingAlpha.com

„We talked about the Apple (AAPL) factory suicides last week and I have warned you and warned you and warned you that this is how revolutions begin. The corporations react to a downturn by squeezing the already-stressed workers to protect their profits and the souless Wall Street investors (yes, us!) cheer as productivity increases, but there is a limit to how far you can push this game before you get blow-back. We are now in year two of relentlessly increasing productivity, decreasing benefits, eliminating jobs – literally putting our workers’ (the bottom 95%) backs against the wall and there’s a reason it’s called a „fight or flight“ reflex.“

In den USA und Teilen Europas ist der Unmut so groß geworden, dass viele Beobachter sagen, es fehle nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringen kann: Ein zweiter Bankenbailout beispielsweise, oder Steueranhebungen, oder Sparprogramme, die den Bürgern zu viel abverlangen.

Die wachsenden öffentlichen Defizite, die neuerlichen Hiobsbotschaften aus dem Immo-bilienmarkt – diesmal dem Gewerbemarkt – die anhaltend schwachen Arbeitsmärkte, die sprudelnden Bankerboni, die Katastrophe am Golf von Mexiko. Das alles können noch Auslöser für eine neue große Protestbewegung werden. Genauso ein eventuelles Einge-ständnis großer Pensionsfonds, dass die Kapitaldecke zu dünn geworden ist, um alle Zusagen einzulösen.


Responses

  1. Top-Beitrag, vielen Dank!


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