Verfasst von: markusgaertner | Mai 31, 2010

Zwei Löcher erschüttern die USA

Das Finanzloch und das Ölloch –

Beenden die Illusion der Weltmacht USA

Vancouver, 1. Juni 2010

Die zwei Säulen der vorherrschenden US-Ideologie sind nach-einander eingebrochen. Beide sind sie durch ein Loch zu Fall gekommen. Die Finanzkrise hat den Glauben daran zertrümmert, dass die Märkte immer recht haben und schon alles richten werden. Und das sprudelnde Ölloch

am Grunde des Golfs von Mexiko hat das Mantra – dass sich mit Technik alles lösen lässt – sprichwörtlich am Boden zerstört.

Damit ist ein Kernelement des Selbstverständnisses der USA zerbröselt.

Beide Mantras waren – für Millionen von Amerikanern sind sie es ja noch, wegen weit verbreiteter Ignoranz – eine tragende Säule jenes Selbstverständnisses, das die USA mit China gemeinsam haben: Dass sie ein auserwähltes Land seien. „God´s chosen country“, sagen viele Amerikaner.

Insofern ist es nicht alleine Ausdruck seiner gigantischen Ego-Bubble, wenn Lloyd Blankfein sagt, er verrichte Gottes Werk.

China ist im Eigenverständnis das Reich der Mitte, zwischen Erde und Himmel, begnadet, gesegnet und einfach allen anderen überlegen.

Das war der Grund, warum die Ming-Dynastie in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts ihre gesamte Schiffsflotte – mit der sie dem Westen hoffnungslos technisch überlegen war, und mit der sie möglicherweise Amerika vor Kolumbus und den Vikingern entdeckt hatte – einstampfte und die Bauzeichnungen zerstörte: Kontakte mit den Barbaren anderer Länder hatten keinen Sinn mehr, von denen konnte man sowieso nichts lernen.

Was folgte, waren Jahrhunderte Stagnation.

Amerika ist noch nicht an diesem Punkt. Es wird ihn auch nie erreichen. Denn in der Vorstellung des amerikanischen Siegertypen sind es immer die Fehler der anderen, die an einem Desaster Schuld sind. Die Dinge im eigenen Haus werden nicht analysiert.

Wie unangefochten war der Grundsatz: Was für GM gut ist, ist für ganz Amerika gut. Was für Amerika gut ist, ist für die ganze Welt gut. GM ist ja schon längst als glänzender Leitstern verglüht.

Ich arbeitete 1987 ein halbes Jahr lang für den erzkonservativen Think Tank „American Enterprise Institute“ in Washington, als Praktikant für einen der Senior Fellows, Joshua Muravchik. Eine Zeit, an die ich mich gerne erinnere, nicht wegen der politischen Seite, auf der das Institut steht.

Ich hätte auch in einem Liberalen Think Tank landen können. Aber ein kleiner deutscher Intern hatte nicht viele Wahlmöglichkeiten.

In diesem Job musste ich für ein Buch von Muravchik recherchieren, wie die parteinahen Stiftungen in Deutschland europäischen Ländern wie Griechenland, Spanien und Portugal nach autoritären Episoden zurück in die Demokratie halfen.

Das Buch trägt den Titel „Exporting Democracy“.

Als ich dafür arbeitete, war ich mächtig stolz, für ein so gutes Projekt tätig zu sein. Ich hatte damals keine Ahnung, dass der mega-konservative Muravchik eine intellektuelle Blaupause für viele militärische und andere Abenteuer der USA liefern würde, bei denen das Demokratie-Modell von Gottes gesegnetem Land dem Rest der Menschheit übergestülpt werden sollte.

Jetzt weiß ich nicht, was ich dem Land mehr wünschen soll: Eine noch viel dickere Krise, damit es wieder zur Vernunft und zurück auf den sprichwörtlichen Boden kommt – seine Elite besser gesagt. Oder eine schnelle wirtschaftliche Erholung, damit das Leiden vieler Millionen Amerikaner, die an dieser Krise kein Verschulden trifft, möglichst bald zu Ende geht.

Eines ist klar: Die enorme Erneuerungskraft der USA darf man nicht unterschätzen, die Yankees werden sich aus ihrem Loch wieder selbst herausziehen, egal wie tief es ist, und egal wie lange es dauern wird.

Das ist auch gut so. Denn eine Supermacht alleine – die bald China sein dürfte – ist nicht gut für die Welt, wie wir seit dem Ende der Sowjetunion am Beispiel USA gesehen haben.

Hier noch zum Schmunzeln etwas, was mir immer Spaß beim Lesen bereitet hat. Es ist Kurt Tucholskys Abhandlung über die soziologische Psychologie der Löcher. Ich habe den ersten Absatz herauskopiert.

Zitat aus Kurt Tucholsky, „Zur soziologischen Psychologie der Löcher“

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist. Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Zumindest für das Ölloch von BP gilt das ja nicht, ist aber ein großer Lesegenuss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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