Verfasst von: markusgaertner | Mai 31, 2010

Desaster-Fahrplan: Der Worst Case

Willkommen am Bahnsteig 4 (von 7):

Endstation Revolution 

Vancouver, 1. Juni 2010

Im Internet kursiert eine Grafik des ehemaligen IBM-Managers und heutigen Finanzinvestors Gordon Long über verschiedene Phasen der laufenden Krise. Wir sind demnach in der fünften von acht Phasen

angekommen, wo kleinere Länder in große Schwierigkeiten geraten. Das Schaubild ist von der Idee her gut, doch mit Details überladen und mit zwei entscheidenden Unzulänglichkeiten befrachtet.

Erstens, es macht keine Angaben darüber, wann wir die nächsten Phasen zu erwarten haben. Zweitens, das Drama endet bei Gordon Long mit einer ausgemachten Währungskrise, der Verfall der Papierwährungen wie wir sie kennen.

Ich habe meinen eigenen „Fahrplan“ ins Desaster aufgestellt, um zu skizzieren, was wir als nächstes möglicherweise zu erwarten haben.

Nach meiner Einschätzung werden wir sieben Phasen auf dem Weg ins Desaster erleben und treten derzeit in die vierte ein, in der als Resultat völlig überschuldeter souve-räner Staaten eine erneute Bankenkrise beginnt. Die steigenden Liborsätze sind ein erster Hinweis.

Regierungen in Europa und den USA werden darauf mit einer Ver-schärfung ihrer eingeleiteten Sparkurse beginnen und die Steuern erhöhen. Auch hier gibt es ja schon erste Anzeichen, wie die in-zwischen präsentierten europäischen Sparmaßnahmen zeigen, und auch die heftig umstrittene Steuer für Minengesellschaften in Australien. Der Bergbausektor ist offenbar eine der Melkkühe, die Politiker für die nächste Phase ausgeguckt haben.

Höheren Steuern und verschärften Sparprogrammen werden – bei wahrscheinlich bis 2012 auch anziehender Inflation – Proteste, Tumulte und Aufstände folgen.

Im Kern hat sich folgendes abgespielt: Der Implosion des Immo-bilienmarktes in den USA folgte eine Krise im internationalen Ban-kensystem in all jenen Regionen und Kreditinstituten, die in größerem Umfang toxische Derivate gekauft hatten. Die Namen sind ja hinreichend bekannt.

Große Bailouts und konjunkturelle Anschubprogramme – deren Wirkung derzeit nachzulassen beginnt, wie man den jüngsten Kon-junkturzahlen in Europa und den USA entnehmen kann – haben die Schulden von den Banken auf die Steuerzahler übertragen.

Was folgte und noch folgen wird, sind extreme Schuldenstände in zahlreichen Ländern wie den PIIGS, Großbritannien, den USA und Japan, das 20 Jahre Krisen-„Vorsprung“ aufweist.

Viele der Anleihen, die Krisenländer verkauft hatten, sind in den Bi-lanzen der Banken gelandet, was deren Position trotz der erfolg-ten Bailouts zusätzlich schwächt. Siehe deutsche und französische Banken mit ihren großen Beständen südeuropäischer Bonds.

Es ist eine Ironie, dass viele Banken durch eben jene Rettungs-maßnahmen, mit denen sie auf solidere Beine gestellt werden sollten, nun weiter geschwächt werden.

Ob neue Bailouts für die Banken ernsthaft in Angriff genommen werden, ist fraglich, der Widerstand in den Gesellschaften dieser Länder wäre vermutlich zu groß.

Wenn im zweiten Halbjahr klarer wird, dass das Rettungspaket der EU nicht ausreicht und die in Europa angekündigten Sparmaßnah-men nicht erfüllt werden können, oder eine neue Rezession her-beiführen, wird sich die Krise des Euro verschärfen, er wird gegen Parität zum Dollar abrutschen. Die G20 wird in großem Umfang zur Stützung des Euro in den Markt eingreifen.

Was die nötigen Summen angeht, wird es immer weniger Hemmungen und immer mehr Nullen an den publizierten Zahlen geben. Währenddessen saust der Goldpreis auf 3.000-5.000 Dollar zu.

Die Eurozonen-Krise wird sich – wie eine Achterbahn – mal verschärfen, mal etwas beruhigen – aber im Verlauf steigern. Die Europäer werden sich von Panik zu Panik retten, bis es nicht mehr weitergeht und ein Währungs- und Schuldenschnitt kommt.

Werden derzeit überall auf der Welt vor allem Ersparnisse mit den neu ausgegebenen Bonds aufgesaugt, so werden – wenn die Ersparnisse einigermaßen erschöpft sind – mehr und mehr Länder zu einem Abwertungswettlauf übergehen und versuchen, sich über expandierende Exporte Kapital zu beschaffen. Die letzte Reserve wird aufgebraucht.

Doch von der Mathematik wissen wir, dass es in einem solchen Wettlauf nicht nur Gewinner geben kann. Eine protektionistische Spirale wird sich in den nächsten Jahren in Gang setzen. Auch hier sind die Zeichen bereits gut sichtbar an der Wand.

Zwischen Regierungen und Großunternehmen wird es zu zuneh-menden Konfrontationen kommen im Wetteifern darum, wer das Ruder in der Hand hält.Ob dabei die EZB zum „neuen feudalen Overlord“ Europas aufsteigt, wie der Telegraph behauptet, bezweifle ich.

Während sich Europa und die USA von Stabilisierungsprogramm zu Stabilisierungsprogramm hangeln/retten, wird das Wachstum extrem schwach bleiben, die Konjunkturen werden am Rande der Rezession bleiben und wiederholt in die „R“-Zone abtauchen.

Das Vertrauen in die Institutionen – früher mal eine Stärke der Demokratie – geht vollends in die Brüche. Das chinesische Modell eines autoritären Kapitalismus gewinnt Zulauf. Die Fundamen-talkritik an den Unzulänglichkeiten der Demokratie nimmt zu. Im schlimmsten Fall nimmt die Bereitschaft im Westen zu, der Bewahrung der letzten Besitzstände den Vorzug vor bürgerlichen Freiheiten zu geben.

Die Staaten mischen sich in wachsendem Maße in die Volkswirt-schaften ein, schon in vollem Gange. Das US-Modell – wonach der Markt alles richtet und immer recht behält – liegt in Scherben.

Das Endgame-Szenario könnte ähnlich aussehen wie in Groß-britannien in den 70er Jahren: Anhaltende Streiks, frustrierte Wählerschaften, eskalierender Vertrauensverlust.

Die Assetpreise verfallen zusehends. Aus Indien, China, Russland, den USA – und einigen Schwellenländern außerhalb Asiens – schwärmen Staatsfonds, Investoren, Heuschrecken und reiche Unternehmer ein und greifen sich die kollabierten Assets.

Der große Ausverkauf verschärft die Krise zusätzlich, auch der Protektionismus eskaliert, so wie die Unruhen.

Was darauf folgt, ist völlig offen.


Responses

  1. Ich kann mir kaum vorstellen, dass es zu einem solchen linearen Verlauf kommt. Eher kommen wir an einen Punkt an dem die Panik einsetzt und alles auf einmal losbricht.

  2. Mord und Totschlag wirds bald geben, so schauts doch aus.
    Als ersten gehören die Bankverbrecher erschlagen.

    • Ich bin genau auch der meinung, den Bankern gehört die Rübe ab.

  3. „Ich meine Gr wird den Euro verlassen ( ist für Gr die einzige Lösung) Das wird den Euro erst einmal stabilisieren.“

    Sicher nicht, weil bereits mit Spanien der nächste dicke Brocken auf uns zurollt. So schnell kann GR gar nicht austreten.

  4. @seppl:
    ich kann nicht umhin, ihnen zuzustimmen.
    und als nächstes gehts dann zu den häusern und büros derjenigen, die maßgeblich an der planung und durchsetzung solcher volks-knebel wie hartzIV mitgewirkt haben und denjenigen, die es sich im system und in den ämtern gemütlich gemacht haben und die unmenschlichen direktiven ihrer chefs von oben allzu bereitwillig und in brutaler kälte durchsetzen.

  5. Hallo Seppl,
    ja genau: Schuld sind immer die Anderen.
    Die Banken gehören genauso zu diesem System, wie der normale stupide Geldanleger, der immer mit wenig Risiko soviel Zinsen bekommen will wie es möglich ist. ALLE müssen mitspielen, sonst funktioniert das nicht.
    Wie es scheint: Nichts verstanden.
    Weder das System im Ganzen, noch den Aufbau und die Funktionsweise des Weltfinanzsystems.
    Und weil es davon zu Viele gibt, funktioniert das ja auch so gut.

    Also immer schön unwissend bleiben!!!!!

  6. Unruhen gab es doch 68 zum letzten Mal. Heute gehen Studenten doch nur auf die Straße, wenn es um Staatsknete geht. Die Rentner haben noch nicht kapiert, dass sie die stärkste Wählergruppe sind und die noch beschäftigten haben Angst um ihren Job. Die paar Autonomen (nützliche Idioten), die hin und wieder Rabatz machen brauchen die Mächtigen um die Ordnungskräfte weiter aufzurüsten. Die dürfen also. Sonst fällt mir niemand ein, die Hartz IV-ler vielleicht? Bevor in diesem unserem Lande ein kleiner Aufstand stattfindet, wird es eher zu einem Großen Krieg kommen den man dann auch getrost so nennen darf. Und unsere Gummibärchen in Berlin? Ratlos…

  7. Hoffen wir mal das wir auf deutschen Straßen keine Toten zu beklagen haben. Das wäre alles andere als wünschenswert. Da kann man nochsoviel vorgesorgt haben. DIES darf nicht passieren.

  8. „Höheren Steuern und verschärften Sparprogrammen werden – bei wahrscheinlich bis 2012 auch anziehender Inflation“

    Inflation bei höheren Steuern und Sparprogrammen?

    „Die Assetpreise verfallen zusehends. “

    Erst Geldentwertung dann Geldaufwertung?

    „Anhaltende Streiks, frustrierte Wählerschaften, eskalierender Vertrauensverlust.“, „Unruhen“, „Was darauf folgt, ist völlig offen.“

    Es gab ja nun auf der Welt schon einige schwere Finanzkrisen und trotzdem geht es der Menschheit so gut wie nie zuvor. Warum sollte uns ausgerechnet diesmal der Himmel auf den Kopf fallen.

    Insgesamt fand ich den Fahrplan sehr zusammengeschustert. Es fehlen praktisch vollständig kausale Zusammenhänge.

  9. Es tut mir leid aber das Deppen-Volk Deutsch-Michel ist zu blöd für Revolution u.ä. ! Deswegen hatten die Michels auch so einen VollHorst als Präsident: http://uxmadexmyxday.wordpress.com/2010/05/31/horst-kohler-failed/

  10. […] Desaster-Fahrplan: Der Worst Case Willkommen am Bahnsteig 4 (von 7): Endstation Revolution  Vancouver, 1. Juni 2010 Im Internet kursiert eine Grafik des […] […]

  11. […] klar wird, dass das Rettungspaket nicht ausreicht, saust der Goldpreis auf 3.000-5.000 Dollar zu. https://markusgaertner.wordpress.com/2010/05/31/desaster-fahrplan-der-worst-case/   31.05.2010 – Wichtig ist, dass Sie Ihr Verm? vor staatlicher Willk? sch?n. Dies kann […]


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: