Verfasst von: markusgaertner | Mai 30, 2010

China am Scheideweg

Google streikt, Ballmer grummelt,

die ersten gehen:

China verliert Anziehungskraft

Vancouver, 30. Mai 2010

China erstaunt mit seinem Turbowachstum die Welt, seit vielen Jahren. Welchen Sog das Wirtschaftswunder im Reich der Mitte entwickelt hat, bezeugt eine stetige Flut ausländischer Direkt-investitionen, aber auch Meilensteine wie der Aufstieg zum größten Automarkt und zum Exportweltmeister. China ist zu einem der größten

Energieverbraucher, Rohstoffkonsu-menten und Umweltverschmutzer geworden.

Es wurde in einigen Industrien auch längst eine Messlatte: Immer mehr Autos werden heute zum Beispiel mit Blick auf chinesische Konsumgewohnheiten entwickelt. Forschungsergebnisse und tech-nische Standards kommen immer öfter aus dem bevölkerungs-reichsten Land der Erde.

Die Karriere als Fabrik der Welt hat Folgen.

Die positiven sind massive Einkommenssteigerungen, eine beeindruckende technische Aufholjagd – von der zum Beispiel die Schnellzüge zeugen – oder der Aufbau ganzer Industrien in Rekordzeit.

Die negativen Begleiterscheinungen sind krasse Einkommens-unterschiede, zwangsweise Umsiedlungen von Millionen Chinesen, oder die bedrückende Zerstörung der Umwelt.

Eine Serie von Selbstmorden bei Foxconn in Südchina wirft ein bezeichnendes Licht auf die veränderten Lohn- und Preisverhältnisse in China

Jetzt, so scheint es, ist das Land an einer wichtigen Gabelung an-gekommen. Es ist dabei, etwas von seiner immensen Anzie-hungskraft einzubüßen, weil die Löhne schnell steigen, das regulatorische Umfeld strikter wird, Steuerprivilegien für ausländische Investoren weggefallen sind und der wirtschaftlichen Liberalisierung bislang keine politische Lockerung folgt.

Aus diesem letztgenannten Grund ist in China Google an eine große unsichtbare Mauer gefahren.

China muss in den vergangenen Monaten im Vergleich zu seinen Standort-Wettbewerbern etwas von der enormen Anziehungskraft eingebüßt haben.

Wie sonst kann Google es sich leisten, dem Land adé zu sagen und vom Festland nach Hong Kong zu verlegen ?

Wie sonst kann Microsoft-CEO Steve Ballmer so offen zu Protokoll geben, Indien sei für Softwarehersteller wegen der in China grassierenden Kopierschutz-Verletzungen die bessere Wette ?

Wie sonst ist es zu erklären, dass die American Chamber of Commerce in Peking im April warnt, ihre Mitglieder sähen sich einem immer schwierigeren regulatorischen Umfeld ausgesetzt ?

Und wie sonst ist es erklärbar, dass die ersten Hersteller arbeitsintensiver Low Tech-Produkte – wie der Eisstiel-Produzent Global Sticks (mit 40% Marktanteil in Nordamerika) – aus Kostengründen zurück in ihre Hochlohnländer verlegen ?

Ein erster Beleg für diese Beobachtung ist die beschleunigte Teuerungsrate, angeheizt von einem massiven Konjunktur-programm, das zu Beginn der globalen Krise gestartet worden war, einer rasanten Ausdehnung der Kreditmenge im Land und einer Explosion der Geldmenge M2 um fast 70% seit Juli 2006.

Der Consumer Price Index beschleunigte sich im April von 2,4 auf 2,8%. Die Produzentenpreise, die Inflation auf der Großhandels-Ebene signalisieren, kletterten im April auf Jahresbasis um 6,8%.

Das ist übrigens einer der Gründe, warum die Börsen und der Immobilienmarkt in China so aufgeheizt sind: Die Chinesen haben keinen Anreiz mehr zum Sparen, denn der CPI übertrifft mit 2,8% die Zinsen auf einjährige Spareinlagen, die derzeit bei 2,25% liegen.

Ein Anstieg der Zinsen, vielleicht auch des Renminbi, sind nötige Korrekturen. Doch bei der Währung weiß man, dass es Peking nicht eilig hat, weil der schwache Euro die chinesischen Ausfuhren nach Europa – Chinas größtem Überseemarkt – bereits stark verteuert hat.

Zum Preisauftrieb tragen die Löhne im Reich der Mitte bei. Wieviel genau, darüber sind sich die Ökonomen nicht einig. Klar, ist, dass seit Beginn des vergangenen Jahrzehnts die Gehälter jedes Jahr im Schnitt um 10-15% steigen. Die Löhne von Migranten in den Ballungszentren entlang der boomenden Ostküste sind seit dem Jahr 2000 jährlich um 14,8% gestiegen.

Bislang, so belegt eine Studie der JPMorgan Chase Bank vom März, konnten Chinas Unternehmen den kräftigen Lohnanstieg mit starken Produktivitätszuwächsen einigermaßen ausgleichen, ein Beweis dafür, dass das Land mit Erfolg auf der technologischen Leiter klettert.

Doch jetzt wird es am Arbeitsmarkt wegen der wiederum be-schleunigten Wachstumszahlen so eng, dass sich der Lohnauftrieb noch verschärfen dürfte.

Im 4. Quartal 2009, so die Bankenstudie, stieg die Nachfrage nach Arbeitskräften erstmals seit dem 2. Quartal 2008 wieder stärker als das Angebot an Arbeitskräften.

Die Nachfrage nach Arbeitskräften wächst wieder schneller als das Angebot am Arbeitsmarkt

Um nicht noch mehr Arbeiter an die großen Städte sowie an an-dere Boomregionen im Land zu verlieren, erhöhen viele Provinzen die Mindestlöhne, zuletzt Jiangsu um 13%.

Viele Firmen versuchen, die Wirkung der steigenden Stundenlöhne auf die Lohnstückkosten durch enorme Überstunden auszu-gleichen.

Welche epidemischen Ausmaße dies erreicht hat, zeigt die Serie von Selbstmorden bei der Technologie-Gruppe Foxconn in Longhua in Südchina. 300.000 Menschen werden dort beschäftigt, es ist die größte Fabrik auf diesem Planeten.

In Longhua werden iPhone, iPad und iPod zusammengesetzt, aber auch Konsolen für die Sony-Playstation produziert und Mother-boards für Intel.

Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn gelten als vergleichsweise gut, in einer Industrie, die Millionen von Arbeitern unter Bedingungen beschäftigt, die hierzulande gewerkschaftliche Revolten auslösen würden.

10-12 Stunden Arbeit am Tag sind die Regel, nur ein Tag in der Woche ist frei. Am Fließband wird nicht geredet, die Arbeiter leben in Massenunterkünften.

Aktivisten in China und Hong Kong klagen, dass die Fließbänder sich zu schnell bewegen. Arbeiter beschweren sich gegenüber Journalisten in dem beiliegenden Video über mindestens 10o Überstunden pro Monat.

13 Arbeiter in der Fabrik haben sich seit Januar das Leben genommen, oder zumindest den Selbstmord versucht.

Der Milliardär Terry Gou – drittreichster Mann in Taiwan – besuchte die Fabrik vor ein paar Tagen. Er könne nicht garantieren, das es keine weiteren Selbstmorde gebe, sagte der Elektronik-Unter-nehmer nach der Firmenvisite. Zwei Tage später wurden die Stundenlöhne um 20% angehoben.

Die Löhne wachsen seit vielen Jahren im Schnitt um jeweils 10-15%, auch laut der Studie von JPMorgan Chase

Vor allem Industrien mit geringeren Produktivitätszuwächsen am unteren Ende der Technologieleiter spüren den Preisauftrieb bei den Löhnen. Und in vielen Fällen können die gestiegenen Kosten nicht weiter gereicht werden, wegen harter internationaler Kon-kurrenz, schwachen westlichen Märkten, oder Überkapazitäten.

Folge: Die ersten ausländischen Firmen wenden sich von China wieder ab.

Die kanadische Zeitung Globe and Mail berichtete am 17. Mai unter der Schlagzeile „China´s Loss is Thunder Bay´s gain“ von der weltweit aufgestellten Global Sticks-Gruppe mit Sitz in Vancouver.

Earl Metcalf, der Geschäftsführer und Teileigentümer von Global Sticks, produziert seit neun Jahren Holzstiele für Speiseeis. Diese werden per Containerschiff von China nach Nordamerika verfrachtet, wo Global Sticks 30-40% Marktanteil erreicht hat.

„Es ist in China zu teuer geworden“, sagt Metcalf, der die Produktion in der chinesischen Hafenstadt Dalian in den kommenden 12 Monaten auslaufen lassen und die Fertigung an die Thunder Bay in Ontario verlegen will.

Hohe Holz- und andere Rohstoffkosten sowie höhere Umsatz-steuern, Treibstoffkosten und Löhne in China haben in Verbindung mit dem bis 2008 um rund 20% aufgewerteten Renminbi die Gewinnmarge bei Global Sticks auf etwa 10% halbiert.

Im Juni geht die Produktion in Ontario los. 80-100 Leute werden in Kanada beschäftigt, sie werden etwa fünf Milliarden Eisstiele im Jahr produzieren. Die Belegschaft in der Thunder Bay wird wegen der höheren Automatisierung deutlich kleiner sein als in China.

Hohe Transportkosten über den Pazifik werden wegfallen. Der Rohstoff für die Produktion wird nun ebenfalls näher am Werk sein als bisher im chinesischen Dalian.

Die Verlegung rechnet sich laut Metcalf, obwohl Arbeiter an der Thunder Bay umgerechnet 10-11 Euro in der Stunde verdienen, viel mehr als in China. Dort lagen die Löhne zuletzt bei etwa 250 Euro im Monat. Vor acht Jahren waren es noch 50 Euro gewesen.

Die Lohnsteigerungen liegen konstant über der Inflationsrate des Landes

Wenn China die Aufwertung des Renminbi in ein paar Monaten weiter fortsetzt, dürften mehr und mehr westliche Firmen ähnliche Rechnungen wie Global Sticks aufmachen.

Der Lohnauftrieb in China wird auch von der klaffenden Einkom-mensschere zwischen Boomküste und bäuerlichem Hinterland weiter angefacht. Das zeigt das Beispiel eines Streiks in der Getriebefabrik von Honda in Foshan, im Südosten Chinas.

Das Aufbegehren der streikenden Arbeiter, die derzeit alle vier Fertigungsstätten des japanischen Hersteller mit einer Jahres-kapazität von 650.000 Fahrzeugen lahmlegen, ist in China zum Symbol für die unterschiedliche Bezahlung zwischen Küste und Hinterland geworden.

Viele Arbeiter in den weniger entwickelten Provinzen verdienen trotz 12-Stundentag und Sechstagewoche nicht mehr als 200 Dollar im Monat. In den Ballungszentren kann das doppelt so viel sein.

Trotzdem können sich die wenigsten dieser Arbeiter die Status-symbole des neuen China leisten: Ein Auto und eine Wohnung. Das sorgt nicht nur für Enttäuschung und unerfüllte Träume, es wirft auch die für die Pekinger Führung brisante Frage auf, ob die Arbeiter in dem sozialistischen Staat nicht eine größere Entlohnung für ihren Anteil an dem viel bewunderten Boom verdienen.

Das dürfte der Grund sein, warum die lokalen Medien über den Streik nicht mehr berichten. Peking ist das Eisen zu heiß geworden.

Während amerikanische Medien sich in Berichten über den deli-katen Streik schon in naiv-idealistischen Vergleichen mit dem Aufstand polnischer Arbeiter der Gewerkschaft Soldarität in den 80er Jahren in Polens Werften ergehen, schwant es westlichen Firmen, was derartige Auseinandersetzungen für sie heraufbeschwören werden: Noch höhere Löhne in China und eine neue Ära, in der das Reich der Mitte nicht mehr alle anderen Standorte – auch im Westen – locker im Kostenvergleich schlagen wird.


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