Verfasst von: markusgaertner | Mai 22, 2010

Amerikanische Strohhalme

Zeitunglesen am Samstag in Nordamerika

Vancouver, 23. Mai 2010

Dies ist keine herkömmliche Presseschau. Ich habe mir heute lediglich EINE Zeitung vorgenommen, die National Post in Kanada. So will ich künftig in unregelmäßigen Abständen Zeitungen in Nordamerika an bestimmten Tagen lesen – den Wirtschaftsteil versteht sich – und meine Gedanken beim Lesen

aufschreiben.

Jetzt, wo die Börsen erneut auf Tauchstation gehen, die Nervosität an den Kapitalmärkten zunimmt und die Angst vor einem Double-Dip (oder mehr) grassiert, ist es wichtig, zwischen den Zeilen zu lauschen.

Dabei fällt heute in der National Post, der führenden konservativen Zeitung unter den landesweit verbreiteten in Kanada, vor allem auf, dass sich selbst erfahrene Journa-listen wieder an Strohhalme klammern, ein Zeichen der steigenden Nervosität.

„China Rides“, heißt es auf der ersten Wirtschaftsseite. Dort wird erklärt, welche Lektionen die asiatischen Länder in sachen Erholung zu bieten haben. Wir alle wissen ja, dass Asien in der Industrieproduktion bereits den Stand vor der Krise wieder erreicht, ja übertroffen hat.

Der Vergleich weckt allerdings gefährliche Illusionen, denn in einem halben Jahr könnte es gut sein, dass alle Welt rätselt – wie vor dem Fall der Berliner Mauer – warum niemand den China-Crash kommen sah.

Zwei Seiten China in einem Wirtschaftsteil, wenn alle Welt von Europa und dem Börsencrash 2.0 spricht …

Auf der zweiten Wirtschaftsseite zeigt uns ein Kommentar unter der Überschrift „Patpong Roulette“, dass der eskalierende Konflikt in Thailand viele Touristen abgeschreckt hat. Völlig richtig wird in dem Stück herausgearbeitet, was zu den Auschreitungen in Thailand führt: Die Tatsache, dass zwischen den boomenden Ballungszentren auf der einen Seite und dem ländlichen Hinterland auf der anderen Seite eine wachsende soziale und wirt-schaftliche Lücke klafft.

Das erinnert mich stark an China, wo die KP genau dieses Problem bislang trotz großer Anstrengungen – und viel Propaganda – nicht in den Griff bekommt. Die Messerattacken auf chinesische Kindergärten, ausgeübt von verzweifelten Chinesen, die Behörden mit Willkür in den Wahnsinn getrieben haben, sind nur ein Ausdruck davon, wie stark der Druck auch in Chinas Hinterland geworden ist.

Die National Post portraitiert in der Ausgabe auf der dritten Seite Quadra Mining, den neuen Stern am kanadischen Bergbau-Firmament, an dem es bekanntlich viele Sterne gibt: 3.500 Minenfirmen auf dem Kurszettel von Toronto, die 55% der weltweiten Branche darstellen. Wieso wird ein Shootingstar so prominent beschrieben, wenn der ganze Rohstoffsektor (außer Gold) gerade wieder absäuft ? HOFFNUNGSSCHIMMER, STROHHALM !

Schön sehen sie aus, die asiatischen Exportzuwächse, aber der schwache Euro hebelt zunehmend die Asienexporte aus, vor allem im Falle Chinas

Das eigentlich wichtige Thema kommt erst auf Seite vier: Das Institute for Management Development publizierte am Freitag seine neueste Weltrangliste der wettbewerbsfähigsten Staaten. Die wichtigste News: Die USA wurden zum ersten Mal seit 1993 vom Spitzen-platz verdrängt, durch zwei asiatische Länder, Singapur und (ja, ich weiß, kein Land) Hong Kong.

Kanada, eine der „Inseln der Seligkeit“ im globalen Finanz-Malstrom, verbesserte sich um eine Position, auf Rang 7. Das andere große Land (von der Fläche her), das viel Rohstoffe besitzt und als eine der Top-Wetten auf die China-Story gilt – Australien – rangiert pro-minent an 5. Stelle.

Direkt unter dieser Geschichte wird eine Meldung platziert: „Inflation, Einzelhandels-umsätze werfen Frage über Zinsanhebung auf“. Kein Wort, dass die Welt – bei dem, was sich gerade abspielt – in eine deflationäre Spirale begibt, die uns in den kommenden Monaten schwer beschäftigen wird.

Die fünfte Seite wird vor allem der EU gewidmet: Dass der Bundestag das Bailout-Paket abgesegnet hat, dass die EU-Finanzminister schärfere Sanktionen gegen Budget-Sünder beschlossen haben, dass Monsieur Trichet erklärt hat, der Euro sei nicht in Gefahr. Bla, bla, bla …

Immerhin wird darauf hingewiesen, dass es Bundeskanzlerin Merkel nicht geschafft hat, die erzürnte Öffentlichkeit wegen des teuren Pakets zu besänftigen.

Es folgt: NOCH eine ganze Seite zu China, über den Aufstieg des Automarktes, der im vergangnen Jahr die USA als größten Binnenmarkt für PKW abgelöst hat und seinen Vorsprung jetzt weiter ausbaut.

China über alles, auch dort selbst vielleicht ein Crash droht, zumindest aber die Inflation sich an dem massiven Konjunkturprogramm rächt

Nochmal China, nochmal Auto ? Ja, Kanada hängt sich nach langem Zögern unter seiner konservativen Minderheitsregierung jetzt stärker an China und will die bilateralen Bezie-hungen forcieren, um die einsteitige Ausrichtung auf den US-Binnenmarkt zu reduzieren. Warum, das können wir ja alle gut verstehen.

Und dann, wieder ein Strohhalm: „Die Geschichte zeigt, dass Marktkorrekturen nichts sind, wovor wir Angst haben müssen“. Wirklich ? Habt ihr die ganze Geschichte durchgewälzt, Folks ? Sicher nicht, denn dann hätten die Reporter von der Natioal Post zahlreiche historische Albträume aus dem Crash-Kabinett hervorgeholt, die uns noch heute zittern lassen.

Wären die Kerle weiter zurückgegangen in der Geschichte, hätten sie auch gesehen, dass das langfristige Tradingband des DOW seine untere Unterstützungslinie bei 5.000 Punkten hat.

Ich will nicht behaupten, dass wir dort landen werden, aber man muss die Grenzen aus-loten, um alle Möglichkeiten im Auge zu behalten. Und die Prognosen von Roubini, Faber etc. reichen bis 30, 40% für eine Korrektur.

Leider kommt jetzt ein richtig großer Lapsus: Auf der siebten Seite unten, als kleiner Kommentar, kommt ein Hinweis, dass die Umweltkatastrophe am Golf von Mexiko, eine gute Investmentchance für die ausgebombten Hersteller von Ölplattformen darstellt.

Strohhalm Asien/China, auch wenn dort die aktuelle Immobilien-Blase neben dem US-Bondmarkt die vielleicht größte bekannte Bubble ist

Kein Hinweis darauf, wie riesig die Umweltkatastrophe in diesem Teil der Welt ist. Und auch kein Wunder: Der Hauptteil der Zeitung bringt erst auf Seite 14 einen Bericht zum Stand der Katastrophe.

Und auch dort werden die drängenden Fragen kaum gestellt: Wie kann es sein, dass jenes Unternehmen, das letztlich die Verantwortung hat – und auch die Aufräumarbeiten erklärtermaßen bezahlen will – immer noch das Sagen am Golf hat ? Wieso wissen wir einen Monat nach der Explosion der Plattform immer noch nicht genau, wieviel Öl eigentlich ausströmt ?

Wieso gibt es unter den Amerikanern keinen Aufstand über dieses verheerende Desaster ? Wieso ist die Obama-Administration so zurückhaltend und zögernd ? „Wir tun alles menschlich und technisch mögliche, um mit dem Problem umzugehen“, wird der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs, in dem Bericht zitiert.

Ach ja, wirklich ? Eure Leute von der Küstenwache sind so schwer mit dem Stopfen des Lecks im Meer und mit den Aufräumarbeiten beschäfgtigt, dass sie genügend Zeit finden Journalisten vom Strand zu verscheuchen, die das Ausmaß des ganzen „Unfalls“ dokumentieren wollen !

Wo bleiben eigentlich die ganzen Umwelt-Aktivisten ? Wo ist der Aufstand der Forscher in den USA ? Das Fernsehen beschränkt sich auf seine Pflicht-Updates, mehr kann ich nicht erkennen. Wo sind die Greenpeace-Leute, ich sehe keine angeketteten Leute vor dem Weißen Haus  ….

Und dann, auf der Seite 8, bis zu der die meisten Zeitungsleser schlapp gemacht haben und zur Kaffeemaschine (oder zum heißgelaufenen Popcorn-Automaten) gerannt sind, kommt die gründliche Auseinandersetzung mit dem Thema Schulden. „Warum wir uns jetzt Sorgen machen“.

Diese wichtige Grafik/Rangliste brachte die National Post erst auf der vierten Wirtschaftsseite

Kein Wunder, Suckers !, wenn Ihr Euren Lesern erst auf der letztn Textseite vor den Kurslisten erklärt, warum langsam alles implodiert, und Euch vorher (viel zu ausgiebig) mit fragwürdigen Erfolggeschichten aufhaltet, dann kann Euch keiner mehr trauen, oder lesen.

Und – natürlich – es hätte ja wirklich gefehlt – der nordamerikanische Seitenhieb auf Europa. „Europe must Learn“. Die Qualität sei der Gegensatz der Volatilität.

Mich stört an dem Stück gar nicht, dass das Bild mit dem Handwerker, der die Sterne auf dem Euro-Banner abnimmt, größer ist als der ganze Text. Was mich endlos nervt, ist dieser typisch amerikanische Ansatz, immer auf die anderen draufzuhauen. Dabei sind die Kanadier hier lange nicht so widerlich wie die US-Amerikaner.

War es nicht die Wall Street, die den Rest der Welt mit verseuchten Subprime-Derivaten überflutet hat ? Waren es nicht amerikanische Ratingagenturen, die auf diesen S..t ihre AAA-Stempel aufgedrückt haben ? War es nicht die Fed, die mit radikaler Niedrigzins-Politik den Rest der Welt im Carry-Trade-Verfahren aufgeblasen hat wie einen Heiß-luftballon ?

Und waren es nicht die Fed, die SEC und die anderen Porno im Dienst-Gucker, die einfach weggeschaut haben, als der arme Mr. Blankfein und seine Gang uns mit Finanz-Massenvernichtungswaffen bombardiert haben ?


Responses

  1. Hi,

    danke für Ihre sehr fundierten Darstellungen.

    Mr. Blankfein und viele Andere auch

    gehören :

    Enthauptet.

    Dies ist die Meinung eines Ritters.

    Dessen Geschlecht bis in diese Zeiten überlebt hat.

    Hermes1650

  2. Wenn man nachdenkt, kann man viel Wahrheit zwischen den Zeilen entdecken: daran erkennt man einen denkenden Menschen.
    Allerdings, und das ist die Crux an der Sache, erkennen anscheinend weder Autoren der Zeitung noch endemische Leser diese Zusammenhänge, der Zufall bleibt und unterhält.

    Überhaupt scheint Neugierde auf verborgene Zusammenhänge ein deutsches ‚Laster‘ zu sein.


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