Verfasst von: markusgaertner | Mai 20, 2010

King Kong im Börsensaal

An den Märkten braut sich der Kreditcrash 2.0 zusammen – rette sich, wer kann

Vancouver, 20. Mai 2010

Stellen Sie sich vor, Sie sagen Erdbeben vorher und Ihr zuverlässiger Seismograph hat ein Dutzend Nadeln, die plötzlich alle auf einmal ausschlagen. Das war die Situation an diesem ungemütlichen Donnerstag, als viele im Jubel-Newsroom

von CNBC wieder mal beleidigt dreinschauten: Der Dow war gerade 376 Punkte abgesackt.

In der Tagesbilanz steht der größte Index-Verlust in einem Jahr. Und ein Tag, an dem viele zynische und auch deprimierte Kommentare über das Parkett gehaucht wurden.

Zieht Eure Helme auf, wenn Ihr long seid“, rief zum Beispiel der Marktstratege bei ICAP Futures in New Jersey, als der S&P 500 die 200-Tagelinie durchbrach.

Selbst Gold ging an diesem denkwürdigen Tag nach unten. Das heißt, viele Markt-teilnehmer brauchten Cash, oder wechselten in den Bondbereich, oder beides. Ein Warnzeichen, wie wir aus der Spätphase 2008 und dem turbulenten Jahr 2009 bereits wissen.

Warnzeichen Nummer eins:

Aber das war längst nicht alles. Viel mehr Nadeln schlugen am Donnerstag an dem Seismographen aus, weil zum Beispiel auch gemeldet wurde, dass die Zahl der Anträge auf Arbeitslosengeld in den USA in der vorigen Woche den größten Ausschlag nach oben seit Februar aufwies.

Der Einzelhandelsgigant Sears, der in Nordamerika 3.900 Läden betreibt, meldete magere 16 Millionen Dollar Nettogewinn für das erste Quartal. Das entspricht bei 10 Mrd. Dollar Umsatz (keine Steigerung) gerade mal 0,16% Rendite.

Man ahnt schon, was als nächstes kommt, nachdem in den Vortagen schon MF Global, Pfizer und Verizon Tausende von Stellenstreichungen angekündigt haben. Von Erho-lung an der Jobfront kann auch keine Rede mehr sein. MF Global, das weltweit größte Futures-Brokerhaus, streicht 15% aller Jobs.

Warnzeichen Nummer zwei:

Auch der US-Conference Board kam mit einer Hiobsbotschaft an diesem „Wacky Thursday“ (bekloppten Donnerstag): Der Leitindex, der ankündigt, wie sich die Kon-junktur in den kommenden Monaten entwickeln könnte, ging im April überraschend zurück. Um lediglich 0,1% zwar. Aber das war der erste Rückgang in mehr als einem Jahr.

Wie trostvoll, dass wenigstens die US-Banken – auch das eine Meldung von Donner-stag – im ersten Quartal 18 Mrd. Dollar Gewinn einstreichen konnten, wenn schon der Rest der Konjunktur und des Landes blutet.

Dass gleichzeitig die Liste der Problembanken auf 775 anschwoll und bis 14. Mai bereits 72 Geldhäuser dichtmachen mussten, das stört in der Liga der Wall Street-Granden keinen.

Ebenso wenig, dass Goldman Sachs zwar an jedem Tag des Quartals einen Gewinn im Eigenhandel verzeichnete, aber die Klienten, die den Aktienempfehlungen der Investmentbank immer noch folgen, mit sieben der neun „empfohlenen Top-Trades für 2010“ Verluste einfuhren.

Warnzeichen Nummer drei:

Philip Davis, der sich selbst in die Riege der 10% Amerikaner mit den höchsten Ein-kommen rechnet (wahrscheinlich eine Untertreibung) und unter Blog-Lesern im Wirtschafts-Segment wie ein Rockstar gefeiert wird, konnte sich zur Wochenmitte daher einen Vergleich nicht verkneifen: „Bangkok brennt, während Blankfein sich verbessert“, nannte Davis seinen Blogeintrag auf SeekingAlpha schon am Mittwoch.

Dort beschrieb er, wie Goldman Sachs-CEO Lloyd Blankfein sein neues Duplex-Kondo am Central Park West in New York mit 26 Millionen Dollar in bar bezahlt (obwohl er sein altes für 13,5 Millionen noch gar nicht losgeschlagen hat), während in Thailand verarmte Massen die Hauptstadt unter Feuer setzen.

Die zunehmend tödlichen Auseinandersetzungen mit der Armee eskalieren nicht nur in einer wachsenden Zahl von Todesopfern, sondern auch in immer mehrt brennenden Gebäuden, darunter die Börse (der Ort, wo die Finanzmafia die Thais ausblutet), Malls (die immer mehr zum Wahrzeichen dessen werden, was sich viele Thais trotz Wachstum im Land nicht mehr leisten können) und TV-Stationen (wie CNBC in den USA ein Ort, an dem die Massen mit Green Shoots-Geschichten beruhigt werden).

Davis´s Vergleich mit Thailand mag weit hergeholt klingen. Und so einfach wie es ich bei ihm anhört, verlaufen die tiefen Gräben in Thailand wahrscheinlich auch nicht ganz. Aber in einem Punkt folge ich ihm unbedingt: Während sich die Amerikaner noch fleißig von der Wall Street-Mafia ausplündern lassen und Proteste in Kriegszeiten für unpatriotisch halten, schreiten die Thais bereits zur Tat.

Warnzeichen Nummer vier:

In den USA muss wahrscheinlich erst der Arbeitsmarkt noch weiter erodieren und die Zahl der Foodstamp-Empfänger noch etwas zunehmen – vielleicht auch die ersten Bundesstaaten Konkurs anmelden – bevor die Amerikaner zum Weißen Haus mar-schieren und Reifen anzünden (auf denen sie dann ihre wertlos gewordenen Anleihen und Aktien verbrennen können).

In den vergangenen Tagen haben sich die Aussichten vehement verdüstert. Erst korrigierten die Chinabörsen, die der CLSA-Analyst Chris Wood als Leitindex für den kommenden Sturm sieht. Dann kulminierte das Griechenland-Drama mit dem gi-gantischen Rettungspaket der Europäer und des (vielleicht jetzt doch nicht ?) IWF.

Dann plumpsten die Rohstoffpreise, der Dollar zog weiter an, der Euro schmierte ab. In den USA geben jetzt wieder die Hauspreise nach. Und während China korrigiert, kontrahiert die Geldmenge M2. Die ersten Zuckungen vor dem Infarkt ?

Warnzeichen Nummer fünf:

Da baut sich ein Über-Bär auf, ein Gorilla, eine Art King Kong, der bald durch die Börsensäle marschieren und vieles unter seinen Riesenlatschen platt trampeln wird.

Der Ton wird selbst in vielen ansonten gemäßigten Foren und Websites nervöser, schärfer, auch zynischer.

Zum Beispiel gestern beim „Pragmatic Capitalist“ , der an einer Stelle den Yale-Professor und Bestsellerautor Robert Shiller mit dessen Warnung zitierte, „wir werden uns gegenseitig in eine große Depression hinein-ängstigen“ 

Zitat: „Where are we now?  In my opinion, we have a global economy that is pre-Greece and a global economy that is post-Greece.  The dominoes appear to be lining up in an eerie fashion at this point in time – there are now dozens of negative catalysts in the coming 12 months (which I will detail in a soon to be released report).  Although the markets are once again oversold and at risk of a bounce the fundamentals are quickly deteriorating and my expectation of a weak second half appears to be right on cue.  I would continue to approach this market with a great deal of caution despite the current oversold conditions.“

Warnzeichen Nummer sechs:

Ein weiteres Beispiel ist die launische Analyse von Philip Davis, der die Obama-Administration als Werkzeug der Wall Street schildert, nach dem butterweichen Beschluss des Senats gestern zur Finanzreform kein Wunder:

Zitat: „Our government, now a mere tool of these corporations, does not hold the corporations up to the same standards as the people and they don’t suffer like the people suffer and, eventually, that leads to a breaking point at which the people will rise up and REVOLT.“

Ein drittes Beispiel mag hier genügen, aus dem jüngsten „Greed and Fear“-Newsletter von Chris Wood:

Zitat:Last week’s unconvincing rally, in terms of both pricing and breath, has increased the chances of the first major correction since the late 2008 / early 2009 lows. The negative price action since late last summer in Chinese A shares and Hong Kong listed Chinese property stocks looks more and more like the key lead indicator for the global risk trade. Financial markets are already on the way to discounting a looming policy-driven China growth scare. This can be seen in the fact that the weakness is no longer only confined to the policy-driven Chinese property and bank stocks but also has extended to the commodity cycle trade globally.“


Responses

  1. Schönes Posting, vielen Dank!

  2. Wow, super aufgearbeitet und auch schlüssig.

    Sie zählen mittlerweile zu meinen absoluten Lieblingsblogs!

    Vielen vielen herzlichen Dank für Ihre Arbeit!

    Lg.

    Johannes

    • DANKE, DANKE,

      ich strenge mich weiter an !!

      Herzliche Grüße aus Vancouver,
      Markus Gärtner
      PS Falls Sie das nicht ohnehin schon getan haben, Sie können per RSS-Button auf der rechten Spalte die Beiträge automatisch zugeschickt bekommen.

      • Lieber Hr. Gärtner,

        bekomme schon länger Ihre Beiträge gesandt, auch Dank dafür!

        Es ist schön zu hören, dass Sie sich weiter anstrengen, bzw. Ihren Blog weiterführen.

        Bin und bleibe ein treuer Leser.

        Liebe Grüße vom (noch kaltem) Wörthersee nach Vancouver!

        Johannes

  3. Sehr schön geschrieben.

    Ihre Beiträge gefallen mir sehr.

    Vielen Dank für Ihre Mühe.

    LG ilmi

  4. GELDMANGEL

    Man konnte schon einiges ahnen, wenn man Mieses kennt.
    Hineinängstigen muß ich mich aber nicht, schließlich wird der Job von der hiesigen Regierung vorbildlich umgesetzt.(….Ironie…;))
    Mister Dax hat ja in einem Interview folgerichtig festgestellt, daß die Geldknappheit ein formidables Ende bewirken wird: das finale Szenario.
    Keiner hat Geld und alle wollen es loshaben.

    Aufgelöst: Jeder hat zu wenig und es ist nichts mehr wert.

  5. […] Gaertner beschäftigt sich in Gaertner’s Blog mit dem Kreditcrash 2.0, der sich seiner Meinung nach aktuell zusammenbraut. SEIN Fazit: Rette sich, wer […]

  6. […] MGaertner:An den Märkten braut sich der Kreditcrash 2.0 zusammen – rette sich, wer kann Markus Gaertner über die überdeutlichen Warnzeichen, an den amerikanischen Börsen, die auf einen schmerzhaften Bärenmarkt hinweisen. […]

  7. Ich denke das die Grafik in Punkt6 nicht zum tragen kommen wird.
    Die Märkte werden bald merken das die panisch beschlossenen Maßnahmen nur Show sind.


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