Verfasst von: markusgaertner | Mai 10, 2010

Wieviele sind zu viele Schulden ?

Eine unwissenschaftliche Betrachtung

Vancouver, 10. Mai 2010

Während die EU zusammen mit dem IWF beginnt, noch mehr Schulden auf das bestehende Schuldenproblem zu werfen, wird eine Frage immer dringlicher: Wieviele Schulden sind eigentlich zu viele

Schulden ?

Wann ist die Grenze erreicht ? Ab welchem Punkt kann man mit Bestimmtheit sagen, jetzt ist Schluss, oder es ist gar zu spät ?

Ich schätze, allein diese Frage zu stellen, wird mir viel Ärger einbringen. Denn sie ist nach den jüngsten Ereignissen ketzerisch geworden.

Es ist Mode geworden, immer neue Milliarden hinter den alten herzuwerfen. Die Kapitalmärkte feiern es, die Banken freuen sich, die politische Elite schiebt die Stunde der Wahrheit weiter in die Zukunft. Und die Zahlen werden dabei immer bedrohlicher.

Und wir alle bangen um unsere Ersparnisse. Denn die sind es, die mit neuen und immer neuen Anleihen aufgesogen werden, wenn der apokalyptische Hilfsfonds der EU komplett aufgestellt werden soll.

Die Foren im Internet sind derweil voll von Hilferufen.

Wie uns das Megapaket der EU weiterbringen oder das strukturelle Schuldenproblem – es wird mehr ausgegeben als eingenommen – lösen soll, bleibt mir auch 24 Stunden nach der Publikation dieser monströsen Zahl ein Rätsel.

Ich habe mir heute noch einmal die Zahlenreihen des IWF vom jüngsten Global Financial Stability Report zu Gemüte geführt. Der Bericht war ja Ende April veröffentlicht und auch hier analysiert worden. Die Grafiken in diesem Post stammen aus dem Bericht des IWF.

Der Währungsfonds hat ganz klar die wachsenden Staatsschulden als die größte kommende Herausforderung identifiziert.

Beim Lesen der Tabellen wird mir klar: Eine definitive Schuldengrenze, eine Linie die man verbindlich im Sand ziehen könnte, gibt es nicht.

Natürlich wären Null Schulden die besten Schulden. Und natürlich ist rein von der Physik des Schuldendienstes her Schluss, wenn die Verbindlichkeiten aus den aufgehäuften Schulden die Steuer- und anderen Einnahmen des Staates übersteigen.

Aber das ist zu einfach.

Im Grunde muss man vier Variablen berücksichtigen, wenn man die Frage beantworten will.

Ein wichtige Rolle spielt nicht nur, wie schnell die Schulden eines Staates wachsen, der Momentum-Aspekt. Entscheidend ist auch, wie hoch die Kosten des Schuldendienstes sind. Da die Zinsen weltweit in richtung Null gefallen sind – und nur in wenigen Staaten wie Australien richtig anziehen – bereitet dieser Aspekt zumindest im Augenblick noch keine große Sorge. Aber das kann sich ja schnell ändern.

 

Auch die Wachstumsaussichten eines Landes spielen hier hinein: Wer schnell wächst, hat es leichter die Lasten aus den Verbindlichkeiten zu tragen. Und schließlich: Die Quelle der Schulden – wer sind die Gläubiger ?

Um das zu präzisieren: Der schlimmste oder aussichtsloseste Schuldner ist sicher ein Staat, der eine rasche aktuelle Zunahme der Schulden verzeichnet, gleichzeitig wenig Wachstum entgegen sieht, stark im Ausland verschuldet ist und mit hohen Zinsen konfrontiert wird.

Außer diesem letzten Punkt gehören sicher die USA in diese Kategeorie. Das muss uns als Anleger eine dringende Warnung sein, auch wenn die Ratingagenturen hier wieder mal hinter der Kurve herlaufen.

Laut IWF-Schätzung macht der Bundeshaushalt der USA 2010 etwa 9,2% des BIP aus, ein rasante Zunahme, die Griechenland und etwa Großbritannien nicht viel nachsteht. Hinzu kommt, dass die USA schon bei einer öffentlichen Gesamtschuld von 121,7% des BIP angekommen sind. Die Schwelle von 100% gilt als kritisch.

Mehr noch: Die Amerikaner sind stark im Ausland verschuldet, was die Verbind-lichkeiten riskanter macht, weil die Möglichkeit eines Abzugs von Kapital aus dem Land besteht.

Das dürfte zum Beispiel der Grund sein, warum sich viele über Japan mit seiner monströsen Gesamtverschuldung zwar viele Sorgen machen, aber keine Panik entsteht. Denn Japan ist vor allem gegenüber Japan verschuldet, gegenüber den japanischen Sparern genauer gesagt. Und das zu rekordniedrigen Zinsen von praktisch Null Prozent. Hinzu kommt, dass Japans Firmen über enorme „Ersparnisse“ verfügen, die einen ordentlichen Liquiditätspuffer darstellen.

Oder Kanada: Von vielen in der Krise als Musterknabe in sachen Bankensolidität und Staatsverschuldung gelobt. Das Ahornland war vor 15 Jahren ähnlich hoch verschuldet wie Griechenland, aber bei 10% Zinsen. Der einzige Ausweg war ein striktes Sparprogramm.

12 Jahre lang bis zum Ausbruch der Krise Ende 2007 drosselte Kanada seine Staatsschulden, bis sie Anfang 2008 auf 23% des BIP fielen. Rekord in der G7.

Jetzt liegt die Verschuldung schon wieder bei fast 32%. Doch in dem Rohstoffland liegen für jeden Dollar Verbindlichkeiten ein paar Dollar Öl, Kali, Gold und Diamanten im Boden. Das ist der Goldstandard unter den Schuldnerstaaten.

Und nicht nur das: Bei einem Budgetdefizit von 3% des BIP ist das Land der einzige Kandidat in der IWF-Tabelle – außer Schweden – der im Augenblick die Stabilitäts-kriterien des Maastricht-Vertrages einhalten kann.

Fassen wir zusammen: Was wirklich zu viel ist, kann nicht definitiv gesagt werden. Gerade deshalb aber sollte beizeiten der Schuldenmacherei Einhalt geboten werden.

In Europa hat man das ebenso noch nicht verstanden wie in den USA. Oder die politische Elite kann einfach das Blatt nicht mehr wenden, weil noch ein fünfter Faktor ins Spiel kommt.

Wenn die Banken umfallen ist alles zu spät. Solange man an den Kapitalmärkten noch Anleihen verkaufen kann ist es wenigstens noch nicht zu spät, auch wenn die Lage vielleicht von manchen schon als aussichtlos eingeschätzt wird.

Wenn in Amerika jemand den Augenblick der Wahrheit – den Schwur – hinauszögert, sagt man „he kicks the can down the road“.

So kurz vor der WM in Südafrika kann ich dazu nur sagen: Zeit für den Abpfiff.

Dafür sollte endlich der Anpfiff für strenge Finanzmarktgesetze kommen, für die Bestrafung der Schuldigen der Krise, für glaubwürdige Sparprogramme, für Beispiele, mit denen Banker und Politiker vorangehen, um ihren Ernst zu unterstreichen …..


Responses

  1. Das Interbankengeschäft lag letzte Woche laut Aussage von Insidern schon wieder flach – die Banken holten sich das Geld direkt von der Zentralbank.
    Die Staaten Europas finanzieren sich im Moment zum Großteil über die Druckmaschine.
    Was passiert , wenn die ersten großen Fondsmanager merken, daß sich der Kreislauf verselbständigt hat ?
    Wenn die das Geld ihrer Kunden – und damit ihre eigene Zukunft – aus dem Finanzkreislauf nehmen und in Rohstoffe und Sachwerte umschichten, ist das Spiel aus.
    Das kann jeden Moment soweit sein und
    bei den vorhandenen virtuellen Geldmengen
    gibt das ein Großfeuerwerk.


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: