Verfasst von: markusgaertner | Mai 9, 2010

Gezockt, getürkt, gepokert !

Die EU versucht zum Schutz des Euro einen Bluff

Vancouver, 9. Mai 2010

Pokerspieler werden sich verwundert die Augen reiben – das ist der größte Bluff aller Zeiten – 720 Milliarden Euro (928 Mrd. USD). So viel stellen die EU-Finanzminister in einem gigantischen Hilfsfonds zusammen mit der Kommission und dem IWF bereit, um den Wackelkandidaten der Eurozone zu helfen und die Spekulanten

an den Devisenmärkten abzuschrecken.

Gestern am späten Abend, als viele in Europa schon im Bett lagen, wurde die Zahl bekannt gegeben, gerade rechtzeitig für den Beginn des Börsenhandels in Asien.

Unterlegt wurde die Ankündigung von einer Drohung der EZB, an den Bondmärkten massiv zugunsten des Euro zu intervenieren.

Der Euro legte um knapp 2 Cent auf über 1,29 zum Dollar zu (nach 1,2755 zum Schluss am Freitag), die Dow-Futures schossen 230 Punkte hoch. Der Ölpreis der Sorte Brent legte 1,75 Dollar auf knapp 80 je Barrel zu. Der Goldpreis sank 11 Dollar auf 1.199 USD.

Ein kleines Feuerwerk. Aber richtige Freudensprünge sehen anders aus. Und die Märkte wissen warum.

Noch ist überhaupt nicht klar, wie schnell der Hilfsfonds aktiviert werden kann und wofür man ihn einsetzt – Devisenmarkt-Interventionen ?, weitere Kredite an Euro-Dominos ?, Kreditgarantien ? …..

Die dreiviertel Billion Euro entspricht etwa zwei Mal dem Bruttoinlandsprodukt der Schweiz oder Belgiens, drei Mal Griechenland, oder 60% von Spanien. Ein wahrhaft stattliches Paket. Aber wer hinterlegt all das Geld ? Und mit welchen Papieren oder Zusagen ?

Das Paket hat ein ordentliches Kaliber. Es ist eine Bazooka, um die Attacken der Währungs-Spekulanten abzuwehren. Oder auch eine „Shock and Awe“-Kampagne, wie die Überwältigungs-Attacke mit massiven militärischen Mitteln auf den Irak damals genannt wurde.

Von einer Bazooka sprach damals im September 2008 auch der US-Finanzminister Henry Paulson, als er den Bankenausschuss im Senat um einen Blankoscheck zur Verteidigung der beiden schwarzen Löcher im US-Immobilienmarkt – Fannie und Reddie – bat. Die Hypothekenriesen bluten heute noch.

Auch im Falle der EU könnte der erwünschte Effekt nach kürzester Zeit verpuffen, wie das im Poker der Fall ist, wo nur Anfänger gegen mehrere Gegner höhere Einsätze bieten für einen Pot, den sie mit ihrem Blatt kaum gewinnen können.

Der Kapitalfonds der EU macht mit 720 Milliarden Euro die Hälfte bis ein Drittel des Tagesumsatzes an den Devisenmärkten (2-3 Billionen Dollar) aus. Er wird aufgestellt von Ländern, die selbst hoch verschuldet sind und im Zweifelsfall schon bald selbst mit dem Hut in der Hand an die Kapitalmärkte gehen müssen.

Insofern ließe er sich auch als Kampfansage eines Generals interpretieren, dem kurz vor dem Schlachtenruf die Munition ausgegangen ist.

Nach der ersten positiven Reaktion der Kapitalmärkte wird jedoch schnell die Diskussion darüber losgehen, wieviel hinter diesem Bluff steht.

Und im Unterschied zu voriger Woche haben zwei der führenden Volkswirtschaften in Europa – Großbritannien und Deutschland – jetzt auch noch schwächere Regierungen als zuvor.

Ganz abgesehen von der Psychologie. Der Fonds ist eine offene Kriegserklärung an die Zocker und Spekulanten der Devisenmärkte.

Sie werden sich das Duell nicht entgehen lassen, wenn sie den richtigen Zeitpunkt gekommen sehen. Sie werden in jedem Falle testen wollen, wie resolut die europäischen Regierungen hinter solch vollmundigen Ankündigungen stehen.

Es wird mindestens ein paar Tage dauern, um den Effekt dieses riesigen Fonds abzuschätzen.

Hier noch der komplette TEXT der Erklärung der EU-Finanzminister:

„The Council and the Member States have decided today on a comprehensive package of measures to preserve financial stability in Europe, including a European Financial Stabilization mechanism with a total volume of up to 500 billion euros.

„In the wake of the crisis in Greece, the situation in financial markets is fragile and there was a risk of contagion which we needed to address. We have therefore taken the final steps of the support package for Greece, the establishment of a European stabilization mechanism and a strong commitment to accelerated fiscal consolidation, where warranted.

„First, following the successful conclusion of procedures in euro area Member States and the meeting of euro area Heads of State or Government, the way has been cleared for the implementation of the support package for Greece. The Commission has signed today, on behalf of the euro area Member States, the loan agreement with Greece and the first disbursement will proceed, as planned, before 19 May. The Council strongly supports the ambitious and realistic consolidation and reform program of the Greek government.

„Second, the Council is strongly committed to ensure fiscal sustainability and enhanced economic growth in all Member States and therefore agrees that plans for fiscal consolidation and structural reforms will be accelerated, where warranted. We therefore welcome and strongly support the commitment of Portugal and Spain to take significant additional consolidation measures in 2010 and 2011 and present them to the 18 May ECOFIN Council. The adequacy of such measures will be assessed by the Commission in June in the context of the excessive deficit procedure. The Council also welcomes the commitment to announce by the 18 May ECOFIN Council structural reform measures aimed at enhancing growth performance and thus indirectly fiscal sustainability henceforth.

„Third, we have decided to establish a European stabilization mechanism. The mechanism is based on Article 122.2 of the Treaty and an intergovernmental agreement of euro area Member States. Its activation is subject to strong conditionality, in the context of a joint EU/IMF support, and will be on terms and conditions similar to the IMF.

„Article 122.2 of the Treaty foresees financial support for Member States in difficulties caused by exceptional circumstances beyond Member States‘ control. We are facing such exceptional circumstance today and the mechanism will stay in place as long as needed to safeguard financial stability. A volume of up to 60 billion euro is foreseen and activation is subject to strong conditionality, in the context of a joint EU/IMF support, and will be on terms and conditions similar to the IMF. The mechanism will operate without prejudice to the existing facility providing medium term financial assistance for non euro area Member States‘ balance of payments.

„In addition, euro area Member States stand ready to complement such resources through a Special Purpose Vehicle that is guaranteed on a pro rata basis by participating Member States in a coordinated manner and that will expire after three years, respecting their national constitutional requirements, up to a volume of 440 billion euros. The IMF will participate in financing arrangements and is expected to provide at least half as much as the EU contribution through its usual facilities in line with the recent European programs.

„At the same time, the EU will urgently start working on the necessary reforms to complement the existing framework to ensure fiscal sustainability in the euro area, notably based on the Commission Communication to be adopted on 12 May 2010. We underline the importance that we attach to strengthening fiscal discipline and establishing a permanent crisis resolution framework.

„We underlined the need to make rapid progress on financial market regulation and supervision, in particular with regard to derivative markets and the role of rating agencies. Furthermore, we need to continue to work on other initiatives, such as the stability fee, which aim at ensuring that the financial sector shall in future bear its share of burden in case of a crisis, also exploring the possibility of a global transaction tax. We also agreed to speed up work on crisis management and resolution.

„We also reiterate the support of the euro area Member States to the ECB in its action to ensure the stability to the euro area.“


Responses

  1. […] zum Thema auch auf Gaertner’s Blog. Merken und weiterempfehlen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue […]

  2. Gold steigt schon wieder…

    Bazooka – da breitet sich ein homerisches Gelächter aus, polnische Reiterei gegen Panzer ?
    Sarkozy hat in den französischen Medien mitgeteilt, daß er sich als Sieger sieht –
    schließlich hat sein Frontmann Tricheur ganze Arbeit geleistet.
    Aber anscheinend kennt er nicht den ‚roll back‘: das ist die eigentlche Monsterwelle, die alles hinwegreißt.

    Die Größe des Fonds ist nicht relevant, die Frage ist : wer bezahlt tatsächlich – und kann bezahlen !
    Ich sehe niemand.
    Da hat Sarkozy wohl etwas übersehen…

    Die Märkte werden die Zahlungsfähigkeit einfordern .

    Wieder herrlich seziert, diese Leiche, ein Lehrbuchstück – Danke .

    Poseidon zu Polyphem:Wer hat Dich geblendet, mein Sohn?
    Antwort: NIEMAND hat mich geblendet !
    (Odysseus nannte sich ‚Niemand‘)

  3. […] GB: Die EU versucht zum Schutz des Euro einen Bluff […]


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