Verfasst von: markusgaertner | Mai 8, 2010

Der Schocker aus dem US-Finanzministerium

Warum uns die Banken bald wieder um die Ohren fliegen

Vancouver, 8. Mai 2010

Wir alle kennen das: Tägliche Enthüllungen über Finanzmarkt-Manipulationen, Korruption zwischen Politik und Finanzelite sowie sträflich abwesende Marktaufseher. Das alles lässt uns ständig

wundern, ob es noch schlimmer geht.

Ständig lautet die Antwort: Eigentlich nicht. Und doch werden wir regelmäßig eines besseren belehrt.

So wie der jüngste Bericht des Comptroller of the Currency (OCC) im US-Finanzministerium über den Handel mit Derivaten im 4. Quartal 2009.

Um es vorwegzunehmen: Die Derivatepositionen der US-Banken nahmen allein im vierten Quartal 2009 um 8.500 Milliarden Dollar zu.

GRAFIK eins: Aus dem OCC-Bericht

Das entspricht (nur die Zunahme wie gesagt) rund 60% des US-Bruttoinlandsprodukts von 14.256 Milliarden Dollar im Jahr 2009.

Mehr noch: 97% aller Positionen werden von den Top 5 Banken gehalten, ein wahres Trading-Monopol.

Und eine wahrlich beängstigende Risiko-Konzentration !

Hier der entsprechende Textauszug aus dem OCC-Bericht:

„A total of 1,030 insured U.S. commercial banks reported derivatives activities at the end of the fourth quarter, a decrease of 35 banks from the prior quarter. Derivatives activity in the U.S. banking system continues to be dominated by a small group of large financial institutions. Five large commercial banks represent 97% of the total banking industry notional amounts and 88% of industry net current credit exposure.“
 
GRAFIK zwei: Aus dem OCC-Bericht
 
 
Der OCC-Bericht versucht sogleich, die Leser dieses Atem beraubenden Berichtes zu beruhigen:
 
Zitat: „First, because this report focuses on U.S. commercial banking companies, there are a number of other providers of derivatives products whose activity is not reflected in the data in this report.“
 
Im Klartext: Macht Euch keine Sorgen, die Banken sind ja nicht die einzigen Player am Markt.
Will uns da einer weißmachen, dass dies die Monopolstellung von 97% entscheidend aufweicht ?

Meine Schlussfolgerung aus diesen Zahlen ist klar: Banken, Aufseher, Kongress und Weißes Haus scheinen sich ja mächtig ins Zeug zu legen, um das Trading-Risiko nach den traumatischen Monaten während der Krise zu entschärfen !

Hier die offizielle Zusammenfassung aus dem Bericht selbst, das

„Executive Summary“:

The notional value of derivatives held by U.S. commercial banks increased $8.5 trillion in the fourth quarter, or 4.2%, to $212.8 trillion. U.S. commercial banks reported trading revenues of $1.9 billion in the fourth quarter, down 66% from $5.7 billion in the third quarter. For the year, banks reported record trading revenues of $22.6 billion, compared to a loss of $836 million in 2008. In the fourth quarter, net current credit exposure decreased 18%, or $86 billion, to $398 billion. Net current credit exposure dropped 50% during 2009. Derivative contracts remain concentrated in interest rate products, which comprise 84% of total derivative notional values. The notional value of credit derivative contracts, at $14 trillion, represents 7% of total notionals. Credit derivatives notional totals increased by 8% during the quarter. 

Aber es kommt noch schlimmer in diesem Bericht, die OCC reicht uns für diese gewaltigen Risiko-Konzentration noch zwei weitere Beruhigungspillen hinterher.Und wo waren da deren Kontrollmechanismus und deren Risiko-Bewusstsein ?
 
Und haben dieselben Banken nicht gerade in dieser Woche eine wichtige Gesetzesvorlage im US-Kongress bis zur Finanzmarktkontrolle bis zur Unkenntlichkeit abgenagt und verwässert ? 
 
 
Die erste: Die großen Banken wissen schon, was sie tun:
 
 Zitat: „Second, because the highly specialized business of structuring, trading, and managing derivatives transactions requires sophisticated tools and expertise, derivatives activity is concentrated in those banking companies that have the resources needed to be able to operate this business in a safe and sound manner.“
 
Hier handelt es sich um dieselben Banken, die schonmal das Rad reichlich überdreht und uns alle an den Rand eines globalen Meltdown gebracht haben.
 
Die nachfolgende Liste stammt nicht aus dem OCC-Bericht. Sie kommt aus der Feder von David Rosenberg, dem ehemaligen Chefökonomen bei Merrill Lynch für Nordamerika. Rosenberg hat in dieser Woche aufgelistet, was die Märkte in nächster Zeit unter Druck setzen kann. Hier seine WORRY LIST:

Begründung No. 3 der OCC, warum wir uns trotz der Derivaterally in den Händen so weniger Banker keine Sorgen machen sollen:

Zitat: „Third, the OCC and other supervisors have examiners on-site at the largest banks to continuously evaluate the credit, market, operation, reputation, and compliance risks of derivatives activities.“
 
Aha: Bankenaufseher des Finanzministeriums stehen direkt an den Trading-Desks der Banken. Da waren sie aber schon vor der Krise. Und was haben sie gesehen …. ?
 
Dass hier nicht nur weiterhin größte Räder gedreht werden, sondern die Märkte – vor allem die Rohstoffmärkte – manipuliert werden, das hat Adrian Douglas, der Herausgeber des Market Force Analysis-Newsletters am Wochenende ausgeführt. Auch er hat übrigens mit großem Schrecken den Derivate-Bericht der OCC gelesen und dabei Schluckbeschwerden bekommen.
 
Laut Douglas hat das Volumen des Handels mit Silber-Derivaten aller Fälligkeiten im 4. Quartal 2009 um satte 37% zugenommen ! Auch hier treiben einzelne Banken den gesamten Markt an, beziehungsweise in eine bestimmte Richtung. Denn das Trading-Volumen stieg bei JPMorgan um 34, bei der HSBC um 58% an.
 
Und jetzt kommt der Hammer: Dieser Anstieg (nur der Anstieg, wohlgemerkt) der derivativen Silberpositionen entspricht 220 Millionen Unzen, also 125% der weltweiten Silberförderung im vierten Quartal.
 
GRAFIK drei:  Aus dem OCC-Bericht / Das RISIKO  

Der gesamte Derivatebestand, der sich auf physisches Silber bezieht, also nicht nur die Zunahme im Quartal, macht 106% der globalen Silberproduktion in einem Jahr aus.

Und da verteidigen Lobbyisten der Finanzindustrie im Kongress bei Anhörungen den Derivatehandel ernsthaft mit der Notwendigkeit, zugrunde liegende physische Geschäfte abzusichern. Das leuchtet uns allen ein, aber nicht im Umfang von mehr als der gesamten Weltproduktion !

Wenn wir jetzt gedanklich zurück zu dem denkwürdigen Handelstag in dieser Woche gehen, als der Dow Jones in nur fünf Minuten von -300 auf -1.000 Punkte abstürzte, dann wird es mir richtig übel.

Wir vertrauen unsere Ersparnisse, unsere Pensionen, die UNI-Gebühren unserer Kinder, einem Markt an, den ein falscher Knopfdruck oder die entfesselte Kraft von Computern in wenigen Sekunden oder Minuten aus den Angeln heben können ?

Und wir werden dagegen beschützt von Leuten, die uns solche Berichte vorlegen ?

Und wir lesen darin auch noch ohne große Aufregung, dass sich nicht nur nichts verändert hat, sondern dass unbeeindruckt immer größere Räder an der Wall Street gedreht werden, während deren Lobbyisten jegliche strikte Marktregulierung abschießen ?

Und wie arrogant sind eigentlich Behörden geworden, die uns und unsere Ersparnisse zwar vor einflussreichen Interessen beschützen sollen und uns dann ganz offen und ohne Scham solche Horrorzahlen wie im OCC-Bericht unter die Nase halten ?

Diese Zahlen werden nicht einmal mehr versteckt, so gering sind die Skrupel geworden, und so groß die Gewissheit, dass wir das sowieso alles schlucken !

Schönes Wochenende ….. 

PS Die New York Post wird am Sonntag berichten, dass sowohl die Commodities Futures Trade Commission als auch das US-Justizministerium eine Untersuchung gegen JPMorgan wegen desren Handel mit Edelmetallen eingeleitet haben. Das meldet der New York Post-Redakteur Michael Gray in seinem Blog „Gray´s Economy“. Die Untersuchung soll am Montag bekannt gegeben werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Aufstellung stammt NICHT aus dem OCC-Bericht, es handelt sich um die „Worry List“ von David Rosenberg, dem ehemaligen Chefökonom von Merrill Lynch für Nordamerika. Rosenberg listet hier auf, was die Märkte in der nächsten Zeit unter Druck setzen oder aus dem Gleis werfen könnte.


Responses

  1. Das ist eine super Analyse und gerade deswegen
    wird sie nicht den Weg in eine größere Öffentlichkeit finden – möglicherweise ist das gut so, weil: „Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.“ (China)
    Allerdings ändert sich das mit der Zeit, denn eines Tages wird es zweifellos heißen: „Die Lüge muß reisaus nehmen oder wird hängen.“
    Aus dem Schachspiel kennt man die Bedeutung des ‚Tempos‘: derjenige, der das Tempo beherrscht gewinnt – und das ist nicht immer der Schnellere.
    Im Moment rennen sich die „Siegesgewohnten Harakiri-Banker“ zu Tode und können es nicht ändern, daß sie nicht gewinnen werden nach dem Aufschlag.
    Abwarten heißt gewinnen.
    Der Tricheur aus dem EZB Tower hat das Spiel zwar gewollt :aber nicht begriffen.
    Derivate sind der Misthaufen, in dem das überschüssige Spielgeld verbleiben sollte und mit dem Ableben der Derivate erfolgt die Flucht in die Märkte.
    Wir stehen kurz vor dem Ausbruch einer Inflation, denn:
    Geldmangel ist (frei nach Hayek) die Mutter der Inflation.
    GELDMANGEL.


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