Verfasst von: markusgaertner | Mai 6, 2010

Warum ganz Europa sich erheben wird

Ein Machtkampf zwischen Eliten und Volk droht

Die ökonomische Krise ist zu einem politischen Konflikt eskaliert

Jean-Claude Trichet fasste sich nach der Ratssitzung der EZB am Donnerstag kurz – zu kurz, wie viele an den Kapitalmärkten meinten. Spanien und Portugal seien „nicht Griechenland“, sagte der Franzose bei einer Pressekonferenz nach der Sitzung des Führungsgremiums der Europäischen Notenbank. Der Kauf von Anleihen sei nicht dis-kutiert

worden. Bofff  !!! Das war´s.

Die äußerst hektischen Märkte, geschockt von Fernsehbildern entfesselter Volks-massen vor dem Parlament in Athen, lasen in die kauzige Antwort von Trichet das hinein, was sie aufgrund des zähen Krisenmanagments auf dem Alten Kontinent seit Monaten vermuten: Dass die Politik mal wieder hinter der (Ereignis-)Kurve ist.

Es half alles nichts mehr: Auch wenn vielen klar war, dass die Bilder vom General-streik in der griechischen Hauptstadt das Ausmaß der Demonstrationen übertrieben und ein Land am Rande des Bürgerkrieges zeigten, drehte der Dow am frühen Nach-mittag in New York binnen Minuten von -300 auf fast -1.000 Punkte ab, begünstigt von einem ominösen Computerfehler, der noch nicht ganz geklärt ist.

Wie dem auch sei, die Unruhen in Griechenland werden, obwohl die Fernsehbilder ihre Virulenz übertreiben, von den Märkten doch richtig interpretiert.

Und zwar dahingehend, dass aus der wirtschaftlichen Krise eine politische geworden ist, eine, die die Legitimität westlicher Demokratien auf eine Probe stellen wird.

Damit beschäftigen sich bei genauem Hinsehen immer mehr von zahlreichen lesens-werten Analysen, die die Vorgänge in Griechenland und die von ihnen beeinflussten Kurskapriolen an den Kapitalmärkten untersuchen.

Quelle: CLSA, Greed and Fear

Zusammengefasst – und etwas vereinfacht – ist die Lage nun so: Der Bailout von Griechenland hat im Grunde gezeigt, dass sich an dem „Too Big To Fail“-Problem der Großbanken seit dem heißen Herbst 2008 nichts geändert hat. Wieder wurde im Falle Griechenlands das Wohl der Banken in den Vordergrund gestellt, wieder wurden die möglichen Lasten auf das Konto von Steuerzahlern verbucht.

Mehr noch: Börsenverlusten, Immobilienverlusten, Jobverlusten und anderem „Kolla-teralschaden“ aus der laufenden Krise – die entgegen weit verbreiteter Propaganda aus Finanzkreisen noch längst nicht zu Ende ist – folgen nun für die Griechen auch noch herbe Lohneinschnitte und Steuererhöhungen.

Und alle Zuschauer in Europa und Nordamerika ahnen schon, es wird ihnen in nicht allzu ferner Zukunft genauso ergehen.

Auch wenn es einleuchtet, dass derartige Opfer der einzig verbliebene realistische Weg aus der Krise sind, so erweist sich doch erneut, dass diese Opfer ungleich verteilt werden und die Finanzelite im Zentrum der Überlegungen von Politikern steht, wenn es darum geht, welche Felle gerettet werden.

Im Nachfolgenden einige Auszüge aus aktuellen Analysen, die diesen Zusammen-hang auf den Punkt bringen.

Dabei handelt es sich überwiegend um Kommentare aus Federn von Beobachtern, die für reiche Privatkunden oder große Firmen arbeiten, also keine Akteure, die sich als chronisch wirtschaftsfeindlich abstempeln ließen.

Beispiel eins

Stratfor Global Intelligence. Ein hoch angesehenes Unternehmen in Austin, Texas, das für institutionelle Kunden auf der ganzen Welt strategische Analysen der geopo-litischen Lage und der weltwirtschaftlichen Trends erstellt. Zahlreiche Großfirmen zählen zu den treuen Kunden des Unternehmens. Das Papier aus dem hier zitiert wird, heißt „The Global Crisis of Legitimacy“

Zusammenfassung: Eine politische Systemkrise tritt ein, wenn die wirtschaftlichen Eliten eines Landes oder einer Region sich so bereicheren, dass sie den Wohlstand einer Nation unterminieren. Der Kulminationspunkt in der Krise wird demnach erreicht, wenn das Volk den Eindruck gewinnt, dass die politische Führung es nicht ausreichend gegen diese Fehlentwicklung verteidigt.

Systemic risk emerges when it appears that the political and legal protections given to economic actors, and particularly to members of the economic elite, have been used to subvert the intent of the system. In other words, the crisis occurs when it appears that the economic elite used the law’s allocation of risk to enrich themselves in ways that undermined the wealth of the nation. Put another way, the crisis occurs when it appears that the financial elite used the politico-legal structure to enrich themselves through systematically imprudent behavior while those engaged in prudent behavior were harmed, with the political elite apparently taking no action to protect the victims.“

Beispiel zwei

Philip Davis, einer der Starblogger in den USA, auf SeekingAlpha – „Greece Closed, Japan on Edge“

Zusammenfassung: Öl ist trotz der jüngsten Korrektur für die Europäer wegen des schwachen Euro so teuer geworden, wie es  Ende 2008 für die Amerikaner war, mit dem Unterschied, dass die enorm hohen Notierungen diesmal auf stark geschwächte Verbraucher treffen. Davis bezeichnet sich gern – und man nimmt ihn ernst dabei – als Mitglied des oberen Einkommenszehntels. Er appeliert aber bei jeder Gelegenheit an das Gewissen der führenden Wall Street-Player und erinnert sie daran, dass ohne eine Mittelschicht keine Wirtschaft funktionieren kann.

Zitat Davis: „At the end of 2008, oil was priced at $100 American and that is the pain currently being felt in Europe as their currency declines while oil continues to be manipulated higher by investment banks who are stealing more money every single day than all of Goldman’s (GS) sub-prime deals put together. Now that bubble may be popping too as, once again, they have bankrupted the people who have to, ultimately, buy the oil.“

Beispiel drei

Chris Wood, ein ehemaliger Finanzjournalist, heute einer der führenden strategischen Analysten in Hong Kong bei Credit Lyonnais Securities Asia, eines der größten Broker-häuser in Fernost. Der Titel von Woods Analyse in seinem jüngsten „Greed and Fear“-Newsletter von dieser Woche lautet „The euro end game“

 

Die Kassen leer, die Banken (scheinbar) gerettet, das Volk aufgebracht ....

 

Zusammenfassung: Wood beklagt, dass Griechenland nicht mit Konsequenzen als EU-Mitglied zu rechnen hat, falls es seinen Teil des Deals mit EU und IWF nicht erfüllt. Wood vergleicht die EU mit Blick auf die nächsten Dominos mit einem fortgesetzt restrukturierenden Unternehmen, das zuerst die entbehrlichsten Mitarbeiter entlässt und dabei anfangs noch goldene Fallschirme verteilt, während es am Ende, wenn es selbst die besten Beschäftigten gehen lassen muss, nichts mehr zu verteilen hat. Für die EU selbst sieht er eine tragische Ironie in der Tatsache, dass die wirtschaftliche Einigung ursprünglich begonnen wurde, um die politische folgen zu lassen und ein eng geschlossenes Europa zu formen, in dem es keine Kriege mehr gibt; doch jetzt, so Wood, wird das drohende Scheitern dieser wirtschaftlichen Variante der Einigung zum ab-schreckenden Modell der politischen Einigung, die noch folgen sollte.  

  

Hier der O-Ton aus dem Greed and Fear:  „Still from a German standpoint it is amazing that the deal does not appear to include the establishment of some sort of exit mechanism whereby if Greece does not meet its targets it can be expelled from the euro area. In this context traditional IMF conditionality is not enough. For the continuing lack of an exit mechanism means the incentives are all wrong. It also means that the moral hazard trade inflamed by the recent financial crisis has been given a new lease of life as other Euroland supplicants will draw the obvious conclusion. Why, for example, should Irish government continue to commit to austerity? This is why the best analogue for the predicament facing the core of Euroland remains that of those people left working for a company that finally goes bust after ten waves of restructuring. The most useless people are sacked first on the best severance terms, with progressively less useless people laid off in subsequent “restructurings” on progressively less generous severance terms. Finally, when the firm eventually fails all that left are the best and the most loyal and they end up with nothing.

If this sounds cynical, it is the reality of the present dynamic. The only issue is whether the core (i.e. Germany) will revolt before the above cycle is fully played out. Still none of the above will be beneficial for the political cohesion of Europe. There is an irony here. The proponents of Euroland were driven by a genuine desire for a united Europe given the tempestuous history of the seventy-five year period from 1870 to 1945 when Germans occupied France on no less than three occasions. While this is understandable, the plan of jumpstarting political union via monetary union will prove to have backfired. This is because the resulting economic fallout, now just starting, will prove very destabilising in a political context, thereby undermining what the original architects of a united Europe were trying to achieve.“

Beispiel vier

Peter Boone und Simon Johnson im Blog „Baseline Scenario„- Das Thema ihres Posts gestern war „It´s not about Greece any more“

Zusammenfassung: Das Hilfspaket für Griechenland kann den unvermeidlichen Staatsbankrott Griechenlands nicht abwenden, es wird ihn lediglich hinauszögern. Sie argumentieren, dass jeder Prozentpunkt weniger Staatsausgaben in dem strikten Sparprogramm – selbst wenn es durchgesetzt werden kann – die gesamte Nachfrage im Land um 2,5% drosselt. 

„Last week the European leadership panicked – very late in the day – when they realized that the euro zone itself was at risk of a meltdown.  If the euro zone proves unwilling to protect a member like Greece from default, then bond investors will run from Portugal and Spain also – if you doubt this, study carefully the interlocking debt picture published recently in the New York Times.  (…)  In the hazy distance, Belgium, France, Austria and many others were potentially at risk.  Even the Germans cannot afford to bail out those nations. Slapped in the face by this ugly scenario, the Europeans decided to throw everything they and the IMF had at bailing out Greece.   The program as announced has only a small chance of preventing eventual Greek bankruptcy, but it may still slow or avert a dangerous spiral downward – and enormous collateral damage – in the rest of Europe.“


Responses

  1. Herr Gärtner

    Klasse auf den Punkt gebracht, danke!

    caw

  2. […] Gaertner’s Blog: Warum ganz Europa sich erheben wird (Sehr lesenswert. Denn es ist längst nicht nur eine ökonomische sondern eine politische Krise. Bilder wie zuletzt aus Athen drohen auch in anderen europäischen Metropolen. Und was dann passieren wird, möchte man sich fast gar nicht ausmalen.) Dazu passend vom gleichen Autor ein ähnliches Thema: Vom Präriefeuer zum globalen Flächenbrand ? (Es gibt ja auch noch USA, China…) Veröffentlicht in Allgemein | Schlagworte: Europa, Gerald Celente, Griechenland, Großbritannien, HRE, Unruhen, Wallstreet Ähnliche Artikel: Schlagzeilen vom 02.05.2010 […]

  3. […] “Zusammengefasst – und etwas vereinfacht – ist die Lage nun so: Der Bailout von Griechenland hat im Grunde gezeigt, dass sich an dem “Too Big To Fail”-Problem der Großbanken seit dem heißen Herbst 2008 nichts geändert hat. Wieder wurde im Falle Griechenlands das Wohl der Banken in den Vordergrund gestellt, wieder wurden die möglichen Lasten auf das Konto von Steuerzahlern verbucht” … und das soll noch weitere sehr unangenehme Konsequenzen haben (Gaertner’s Blog). […]

  4. […] Warum ganz Europa sich erheben wird – Sehr guter Artikel […]

  5. […] Warum ganz Europa sich erheben wird Die ökonomische Krise ist zu einem politischen Konflikt eskaliert (tags: politics eu financialcrisis greece) […]

  6. […] MGaertner: Die ökonomische Krise ist zu einem politischen Konflikt eskaliert Wie sich aus einer ökonomischen Krise eine politische Krise entwickelt, die sich zu einer Systemkrise ausweitet. […]


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