Verfasst von: markusgaertner | Mai 3, 2010

Hexentest für CEOs

Brauchen wir die Wasserfolter, um mehr Transparenz

und Wahrhaftigkeit in die Wirtschaft zu bringen ?

Vancouer, 3. Mai 2010

Man muss kein promovierter Anhänger von Aristoteles sein, um zu wissen: Die Wahr-heit ist einer der fundamentalen philosophischen Grundbegriffe. Das gilt uneingeschränkt auch für die Wirtschaft: Ohne Wahrheit gibt es keine gültigen Verträge, keine Transparenz, keine verlässlichen

Investitions- oder gar Anlage-entscheidungen.

Ohne Wahrheit sind Preise verfälscht, Geld wertlos und Schecks nicht mehr als schön bedrucktes Klopapier.

Die grassierende Korruption ist ein Feind der Wahrheit, und sie höhlt das Vertrauen der Gesellchaft in die politsche Führung aus.

Die Wahrheit ist im simpelsten Falle die Übereinstimmung einer Aussage mit einem zugrunde liegenden Sachverhalt. Unwahrheit beginnt mit dem Weglassen einzelner Aspekte eines Sachverhalts.

Nicht die Wahrheit zu sagen, kann das Leben kosten. Doch eine Lüge kann auch 200 Millionen Dollar sparen, wie wir gerade von dem 49jährigen ehemaligen Lehman-Juristen Oliver Budde gehört haben.

Nach Buddes Aufzeichnungen gab Ex-Lehman-CEO Richard Fuld bei einer Kongress-anhörung im Oktober 2008 sein Einkommen ab dem Jahr 2000 um genau diesen Fehlbetrag zu niedrig an.

Die Wahrheit kann durch verschiedenste Verfahren „ermittelt“ werden.

Zum Beispiel durch Zeugenaussagen. Oder durch die Annahme der Wahrhaftigkeit in der Aussage einer einzigen Person, der wir voll und ganz vertrauen können (Preis-frage: Wieviele sind das in Ihrem Leben ?).

Von manchen Zeitgenossen wird die „Wahrheit“ bei Bedarf auch durch Wasserfolter ans Licht gebracht.

Aber selbst diese menschenverachtende Methode ist in philosophischem Sinne nicht ganz wasserdicht.

In Zeiten der Hexenverfolgung wurde die Wahrheit vom Auftrieb des Wassers abge-lesen: Bei der sogenannten Wasserprobe wurde eine verdächtigte Frau gefesselt und in den Fluss geworfen. Ging sie unter und ertrank, war sie keine Hexe. Schwamm sie, war sie eine Hexe und wurde meist verbrannt.

In der Wirschaft sind Wahrheit und Lügen ebenso Bestandteil des täglichen Tuns wie überall sonst, wo es Menschen miteinander zu tun haben.

Nur mit einem Unterschied: Geht es anderswo um einen bestrittenen Diebstahl oder einen vertuschten Seitensprung, so geht es in der Sphäre der Ökonomie meist ums Geld.

Zum Beispiel am 21. April, als General Motors meldete, es habe die Restschuld seines 6,7 Mrd. Dollar umfassenden Kredits aus dem TARP-Programm der Obama-Administration zurückgezahlt und damit die Besserung seiner geschäftlichen Situation unter Beweis gestellt.

Hätte der US-Senator Charles E. Grassley – ein Republikaner aus Iowa – nicht heraus-gefunden, dass GM in Wahrheit das TARP-Geld mit anderen Steuermitteln aus einem Konto beim Finanzministerium beglich, wir hätten die Story vielleicht geglaubt.

Dafür muss jetzt der neue GM-Chef Edward E. Whitacre Jr. auf den Beichtstuhl.

Mehr aber sicher nicht, denn es scheint kaum jemanden aufzuregen, dass die Fakten dieser erstaunlichen Rückzahl-Aktion zur Förderung der GM-Reputation etwas zurecht-gebogen wurden. Irreführung – auch von Verbrauchern – scheint inzwischen als mindere Variante der Täuschung hoffähig geworden zu sein. 

Im Falle von GM wurde die Wahrheit nicht von einer Falschaussage überfahren, sondern durch das Weglassen wichtiger Hinweise, die der Wahrhaftigkeit durchaus förderlich gewesen wären.

Übrigens hat auch das von Tim Geithner geführte Finanzministerium, das die Rück-zahlung von GM ausdrücklich in einer eigenen Meldung lobte, ebenfalls die von Senator Grassley aufgedeckten Zusatzinformationen großzügig weggelassen, mit ebenso leichter Hand, wie Geithner selbst, der vor seiner Berufung ausstehende Steuerschulden irgendwie nicht mehr ganz parat hatte.

Vielleicht sollte man CEOs von Publikumsfirmen nach der Bilanz-Pressekonferenz gefesselt in einen Pool werfen, um durch so etwas unverdächtiges wie den Auftrieb des Wassers die Wahrhaftigkeit der präsentierten Zahlen zu ermitteln und nicht durch so subjektive Kreaturen wie Aktionäre.

Scherz beiseite: Wie können wir der grassierenden Lügenkultur, die von der jüngsten Krise und deren bislang äußerst zögerlicher Aufarbeitung zutage gefördert wurde, wir-kungsvoll zuleibe rücken ?

Durch gute Beispiele ?

Die müssten von ganz oben kommen, von so rühmlichen Institutionen wie etwa der Notenbank.

Doch hier gibt es leider eine Fehlanzeige: Die Fed, so wurde heute bekannt, hatte im März 2004 eine denkwürdige Sitzung, bei der mehrere führende Mitglieder – darunter der damalige Präsident der Atlanta-Fed, Jack Guynn – deutlich ihre Sorge über Speku-lation und Preisübertreibungen zum Audruck brachten.

Alan Greenpan, damals Fed-Chef, hielt die Details der Diskussion sorgsam unter Ver-schluss. Er war in Sorge, die Fed könne die Kontrolle über eine Diskussion verlieren, in der sie die Fakten ohnehin am besten kennt.

In die Protokolle der besagten Fed-Sitzung -die monatlich publizierten „Minutes“ – fanden die kritischen Anmerkungen daher keinen Eingang.

Mit dabei im März 2004 – als die vom großen Vorsitzenden Alan Greenspan später für nicht vorhersehbar bezeichnete Bubble beklagt wurde  – waren damals auch Ben Bernanke und Timothy Geithner.

Noch im Oktober 2005, eineinhalb Jahre später, bestritt Ben Bernanke im Kongress, dass es im Immobiliensektor eine Blase gebe. Das war nur wenige Tage vor seiner Nominierung zum neuen Fed-Chef

Was also tun ? Strengere Gesetze und Aufsicht der Fed ? Der Kongress arbeitet daran.

Doch die Fed hat es bisher verstanden, sich dagegen zu wehren, dass das „Govern-ment Accountability Office“ künftig die Geldhüter regelmäßig prüft. Dabei haben die Geldhüter laut der Huffington Post sogar den Stabschef des Weißen Hauses, Rahm Emanuel, auf ihrer Seite.

Und politische Führung ? – Barack Obama gewann die Wahl mit dem Versprechen, die Lobbyisten in die Schranken zu weisen.

Ein Jahr nach Amtsantritt hat er sich jedoch von den wohl organisierten Interessengruppen einverleiben lassen.

Und was ist mit „Checks and Balances“, dem systeminternen Machtausgleich durch Kontrollinstanzen ? Da fallen mir außerhalb der Kuschel-Kultur zwischen Politik und Lobbyisten nur die Medien ein.

Doch traditionelle Zeitungen und Rundfunkanstalten kämpfen derzeit mehr ums nackte Überleben als gegen bedrohliche Auswüchse in der Demokratie.

Und die „neuen“ Medien des Web 2.0 sind noch zu fragmentiert, um eine Gegenmacht darzustellen.

Was bleibt dann noch ? Verzweiflung, Aufgabe, Zynismus ?

Was wäre mit mehr Beteiligung im politischen Prozess ? Weniger Realityshows gucken und dafür mehr an die Abgeordneten schreiben. Bringt Euren Frust mehr zum Aus-druck, mailt den Politikern, dass Ihr sie erwischt habt, wenn sie 99% oder weniger wahrhaftig waren. Investiert mehr Zeit in die Demokratie.

Schreibt Euren Frust in Blogs auf, ruft die lokale Zeitung an, gündet Facebook-Gruppen, bombardiert die Parteien mit kritischen E-Mails.  Sagt Ihnen direkt, was Euch nicht passt, anstatt immer nur in der S-Bahn, auf dem Tennisplatz oder im Fußballstadion rumzumeckern, wo es niemand, der es fürchten muss, hört.

Eine der zentralen Lehren aus dem Verhalten der Bundesregierung in dem ganzen Griechenland-Desaster ist die Angst der Politiker vor der nächsten Wahl.


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