Verfasst von: markusgaertner | April 29, 2010

EU-Paradox ? Kassen geplündert, Wirtschaft gut gelaunt

Leere Kassen und grandiose Stimmung

– wie geht das zusammen ?

Vancouver, 30. April 2010

Die Gleichung lautet etwa so: Öffentliche Kassen leiden unter extremer Schwindsucht, die Währung ist auf Talfahrt, die Regierungen zaudern, die Banken wackeln plötzlich wieder mehr (oder einfach nur sichtbarer) – und die Stimmung in der Wirtschaft hat sich deutlich verbessert ? Irgend etwas stimmt an

dieser Gleichung nicht. Und ich muss zugeben, selten habe ich so gerätselt wie bei der jüngsten Grafik (siehe unten) aus der EU-Kommission am Donnerstag.

Hier sind die Fakten aus der Kommission: Der Geschäftsklima-Index in der EU stieg im April – ja, in diesem laufenden Bailout-Drama-Monat ! – um 2,7 Punkte auf 100,6 an. Zugegeben, das war in den Tagen, bevor zur Wochenmitte sogar Spanien herabgestuft wurde.

Aber der neue Indexwert ist nicht nur der höchste seit 2 Jahren (genauer gesagt seit März 2008), sondern auch ein Sprung über die langjährige Trendlinie bei 100 !

Angetrieben wird die Stimmungsrakete von Deutschland, wo der Indexwert im April von 100,4 im Vormat auf jetzt 104,7 Punkte zunimmt, und von Frankreich, wo der Indexstand nach einem Plus von 2,0 gegenüber dem Vormonat jetzt bei 101,6 liegt.

Potzblitz: Die EU brennt lichterloh, in den Internetforen wird gedanklich schon wieder die D-Mark gedruckt, Analysten reichen Maßzahlen für Rettungspakete von bis zu 800 Mrd. Dollar im Euroraum herum, in Griechenland bummelstreiken selbst Airforce-Piloten, der Rest des Landes geht schon länger auf die Barrikaden, oder steht vor den Banken Schlange.

Die politische Kaste rennt von einer Krisensitzung zur nächsten, viele Europäer rennen zu Ihrer Hausbank, und die Manager reiben sich die Hände.

Das Spiel auf Zeit in Berlin wegen der Wahl am 9. Mai – die schleppende Koordination durch Ratspräsident Herman Van Rompuy – das Ausbleiben eines EU-Gipfels bis zum 10. Mai – und die wachsende Rolle des IWF – sie alle haben den Eindruck gestärkt, dass in Europa ein Absturz ohne Piloten stattfindet, wie es am Donnerstag die New York Times ausdrückte

Wie passt das alles dann zusammen ? Leere Kassen, Panik im Club Med, schwache Regierungen – und trotzdem diese guten Stimmungszahlen in der Wirtschaft ?

Hier ein Zitat aus der Pressemeldung der EU-Kommission zum ECONOMIC SENTIMENT INDICATOR, 29. April 2010 

In April, the Business Climate Indicator (BCI) for the euro area improved further. The rebound of the indicator suggests that economic activity in industry will continue to recover in the coming months, although it has still some way to go to reach its pre-crisis level. Managers in industry were upbeat about their order books and the production trend observed in recent months. They were also optimistic about their export order books. They considered that stocks of finished goods were lower than desirable and still declining. Their previously optimistic production expectations remained largely unchanged.

Als Zyniker würde ich einfach sagen, drei Möglichkeiten: Alchemie, Idiotie, oder Kosmetik.

Sind die Zahlen getürkt ? Verschwörungstheoretiker, hier habt Ihr Euer gefundenes Fressen !

Waren die Fragen doof gestellt ? Wenn, dann waren sie es schon immer, denn sie werden Monat für Monat wiederholt. Und wenn sie immer gleich dämlich wären, könnte die Zahlenreihe trotzdem den  Trend wiedergeben.

Leben die Manager und Unternehmer auf einem anderen Planeten ? Natürlich nicht. Dass in Europa gerade die Hütte brennt, haben sie auch mitbekommen. Und bei mieser Kapazitätsauslastung, teurer Kurzarbeit und kreditstreikenden Banken haben sie ihr eigenes Jammerlied zu singen.

Warum dann also die erneut bessere Stimmung ? Man kann nur spekulieren.

Ein Blick auf den Chart genügt, um zu sehen: So weit sind wir trotz der Einbrüche während der Rezession nicht mehr von den „normalen“ Indexständen entfernt, dass man sagen könnte, der große Aufholbedarf ist es, der für Auftrieb sorgt.

Also auch hier Fehlanzeige, was eine einleuchtende Erklärung angeht.

Doch irgend etwas muss ja die Unternehmen bei Laune halten …..

Hier ist ein Versuch, doch er überzeugt mich selbst nicht vollständig.

Erstens hilft der taumelnde Euro, die Kursübertreibungen der vergangenen Monate nun wieder abzubauen und Wettbewerbsfähigkeit zurück zu gewinnen.

Währungen bei wichtigen Handelspartnern deutscher und anderer europäischer Exporteure legen kräftig zu, vor allem in Asien. Das bedeutet nicht nur Wettbe-werbsvorteile, sondern auch noch Extra-Gewinne, wenn die Erlöse vom Weltmarkt zuhause in den Euro getauscht werden.

Das sieht im konkreten Fall dann so aus, wie die laufende Woche gezeigt hat: Siemens hebt die Gewinnprognose an; MAN und BASF übertreffen mit ihren Quartals-berichten die Erwartungen; Volkswagen bezeichnet den Griechenland-Effekt auf seinen Absatz als „sehr geringfügig“.

Summa summarum: Der addierte Nettogewinn der deutschen Publikumsfirmen, die bereits Quartalsberichte vorgelegt haben, hat sich laut Bloomberg fast verdreifacht und hat damit die 54% Gewinnzunahme für Westeuropa insgesamt deutlich hinter sich gelassen.

OK, kapiert.

Aber liefern zum Beispiel deutsche Exporteure nicht auch einen erheblichen Teil ihrer Ausfuhren in andere EU-Länder ?

Und hat das Wachstum dort nicht zuletzt tief enttäuscht, auch in größeren Märkten wie Großbritannien ?

Und was kaufen Griechen, Portugiesen, Iren und Spanier aus Deutschland oder Frank-reich, wenn sie um ihr Geld fürchten oder arbeitslos geworden sind ?

Und was kaufen die Griechen überhaupt noch aus deutscher Fertigung ? (wenn sie den Ursprung erkennen, oder danach fragen?).

Ach ja, Griechenland schlägt in der EU als Leichtgewicht ja nur mit 3% am BIP zu Buche. Die Schleifspuren aus dem Drama halten sich also im gewerblichen Sektor bislang in Grenzen, auch wenn die Finanzminister Schweißausbrüche haben.

Folge: Im April beschleunigte sich die Produktion des gewerblichen Sektors, während Aufträge für Ausrüstungsgüter um 21% zulegten, angetrieben vor allem von einer Erholung in den Schwellenländern, namentlich Asien. Glorreiches China, aber auch ! 

 


Responses

  1. Scheint irrsinnig zu sein, ist es bei genauerer Betrachtung aber nicht.

    Diese Krise ist doch bei den Menschen (noch) gar nicht angekommen.

    Es gab bis dato weder Steuer-/Abgabenerhöhungen, noch Einschnitte im Sozialbereich.

    Anstelle von Entlassungen kam die Kurzarbeit mit Lohnausgleichszahlungen und noch dazu mehr Freizeit für Konsum!

    Für die Masse der Menschen ist doch noch gar nichts passiert, also konsumieren sie weiter wie gewohnt.

    Ja nicht mal in Griechenland gab es bis dato schmerzliche Einschnitte, die folgen erst!

    Habe neulich eine Umfrage im Radio gehört, dass 80% der Österreicher das Wort Krise nicht mehr hören können.

    Diese wird ganz einfach verdrängt, nicht wahrgenommen. Wie denn auch? Die Brieftasche ist gleich voll wie eh und je!

    Was interessiert es die Masse, wie hoch der Staat verschuldet ist, wenn es ihn selbst (noch) nicht betrifft?

    Jene, die es interessiert, gehen eher von Inflation denn von Deflation aus und verbrauchen ihr Geld.

    Der Grundgedanke dahinter ist, jetzt kann ich es mir noch leisten, in ein paar Jahren evt. nicht mehr.

    Von daher ist es nicht verwunderlich, wenn es den Unternehmen akutell wieder besser geht.

    Der Umkehrschwung wird erst dann eintreten, wenn Steuererhöhungen kommen, Sozialleistungen gestrichen werden und öffentliche Aufträge (Konjuntkurprogramme) ausbleiben werden.

    Dann erst betrifft es die Masse und dann erst werden es die Unternehmen zu spüren beginnen.

    Es brauch halt alles seine Zeit und hat nichts mit Verschwörung zu tun😉

    • Hallo Johannes,

      das ist der psychologische Aspekt der ganzen Misere. Ich denke, das hast Du sehr gut auf den Punkt gebracht. Ich fürchte auch, wenn ich mit meiner Mutter oder Freunden in Deutschland telefoniere, dass die das Problem, solange sie können, ignorieren. Viele von uns haben ja auch eine kleine Erbschaft gemacht, da ist also noch ein wenig Substanz und Puffer vorhanden, bevor es eng wird. Frage mich, wann in Deutschland das Sparen und Steuern anheben losgeht ….

      Herzlich, Markus

  2. Interessant.

    Werde öfter vorbeischauen.

    • DANKE, Du bist immer herzlich willkommen …..

      Viele Grüße aus Vancouver,
      Markus

  3. Markus, Du bist doch Journalist. Warum plenkst Du?

    • … hast Du diese Frage nicht schonmal gestellt ? (ooops, schon wieder geplenkt) – Ich lasse die Leerzeichen vor Fragezeichen und Ausrufezeichen, weil das diese Zeichen deutlicher macht, hervorhebt, eine rein optische Angelegenheit. Schnelle Erkennbarkeit geht hier vor den Regeln, ich setze mich einfach darüber hinweg. In den Zeitungen gleichen das die Korrektursysteme wieder aus, es hat sich jedenfalls noch nie einer beschwert. So etwas nennt man alte Gewohnheit (vielleicht auch Starrsinn) …

      Herzlich,
      Markus


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