Verfasst von: markusgaertner | April 29, 2010

China über alles?

 Exklusiv in Gaertner´s Blog:

Gastbeitrag von Professor Norbert Walter

Chinas Trendwachstum wird auf 5% sinken

Nach seinem jüngsten Chinabesuch schreibt der ehemalige Chefvolkswirt der Deutsche Bank Gedanken zu Chinas Turbokonjunktur auf

Als Norbert Walter sich Ende 2009 in den Unruhe-stand verabschiedete, kündigte er an, „ich werde Bücher schreiben und mein Wissen weitergeben“. Das allein reicht dem umtriebigen Ökonomen anscheinend nicht zur Vollauslastung. Mit seinen Töchtern gründete er die Beratungsgesellschaft „Walter & Töchter Consult“

Die Webseite   http://www.walterundtoechter.de/

Es ist soweit: „China über alles“ hat im Auge des Betrachters den Zustand jeden Zwei-fels zerstreut. Chinas Banken sind die Größten, Chinas Wachstum sticht alles aus, Chinas Selbstbewusstsein ist nicht zu

toppen. China – nach den grandiosen Olympi-schen Spielen vor zwei Jahren – nunmehr der Ausrichter der Expo in Shanghai – ist Top of the World.

Schon von aussen betrachtet ist China gigantisch, aber wenn man da ist, fühlt man es. Das Land ist die Inkarnation von Selbstbewusstsein. Der Stolz auf die eigenen Erfolge wird nur noch von der Herablassung getoppt, wie alte „Leithammel“ der Weltwirtschaft von den Chinesen – Politikern wie Bürgern – angesehen werden.

China war nicht Teil der Finanzmarktkrise, China war zwar betroffen vom Schrumpfen des Welthandels, aber es hat umfangreicher und effektiver keynesianisch reagiert und hat damit erfolgreich die Gesamtnachfrage stabilisiert.

China hat wichtige Themen wie die Energieeffizienz und Klimaschutz im Visier. China hat strategische Konzepte für internationale Politik, insbesondere in Bezug auf die Sicherung der Rohstoffbasis.

Also alles paletti? Und steht damit die Umwälzung der internationalen Kräfteverhält-nisse an? Ist es nicht offenkundig, dass die Europa-lastige G7 Diplomatie in Auflösung ist?

War nicht die Entwicklung hin zu den G20 Ausdruck dieser neuen Kräfteverhältnisse? Und war nicht der Klimagipfel in Kopenhagen mit dem Veto unter Führung Chinas die offenkundige Demonstration der neuen Gewichte?

Vor wenigen Wochen durfte ich Mäuschen sein bei einer Veranstaltung eines chinesisch-amerikanischen Joint-Ventures mit hochrangiger wirtschaftlicher und vor allem politischer Beteiligung.

Da war die Perzeption einer unzweifelhaften G2 Welt zu verspüren. Amerika, die alte Supermacht, buhlte um die Gunst, um das Verständnis der unzweifelhaften Nummer 2 der Welt, der Chinesen. Der Rest der Welt war anwesend, zeigte aber keine Präsenz.

Diese Sicht- und Verhaltensweisen werden sich 2010 und wohl auch 2011 nicht ändern. Dennoch: sie sind nicht gut fundiert und sie werden in den nächsten Jahren getestet und sie werden den Test nicht bestehen.

China ist nicht reif, China ist kein Taktgeber für die entscheidenden Reformen im Finanzsektor oder für die Umwelt, ganz sicher ist China kein Vorbild für Bürgerrechte. Und es hat Fehler gemacht, die in den nächsten 5 bis 10 Jahren für alle – auch für die eigene Politik und für die eigenen Bürger sichtbar werden.

China wird bald zur Sicherung seiner natürlichen Ressourcen – Böden, Trinkwasser, Atemluft – zu Maßnahmen schreiten, die das gemessene BSP-Wachstum reduzieren. China wird zur Jahrzehntmitte mit einer akuten Knappheit von jungen, gut ausgebil-deten Arbeitskräften zu rechnen haben. Die seit über einer Generation betriebene Ein-Kind-Politik wird ihren schwarzen Schatten bald werfen.

Dies reduziert das Potentialwachstum weiter.

Die Beschäftigung der älteren, nicht ausgebildeten Landbevölkerung wird keine wirk-liche Alternative sein. Das Trendwachstum wird von 10% binnen eines Jahrzehnts auf 5% sinken.

Dass dies soziale Spannungen erzeugt und dass dies die internationale Einschätzung Chinas relativiert, darf mit Fug und Recht erwartet werden. Erinnert sich noch jemand?

Am Anfang der 90er Jahre war der Immobilienwert von Zentral-Tokio höher als der für ganz Kalifornien und die meisten der am höchsten kapitalisierten Banken waren japanisch.

Hochmut schützt nicht vor dem Fall!

Hinweis: Die folgenden Grafiken wurden zur Ergänzung an den Blogpost von Norbert Walter angehängt. Sie sollen Herrn Walters Thesen weder bestätigen noch widersprechen und sind lediglich als Zusatzinformation der Redaktion gedacht. 

ECONCHART eins: Chinas Immobilienmarkt

ECONCHART zwei: Chinas BIP-Wachstum beschleunigt sich weiter (Grafik von Anfang März)

ECONCHART drei: Der Wechselkurs des Renminbi zum US Dollar (Grafik von Mitte März)


Responses

  1. […] Norbert Walter: China hat Fehler gemacht, die in den nächsten 5 bis 10 Jahren für alle sichtbar we… (tags: china growth) […]


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