Verfasst von: markusgaertner | April 28, 2010

EU-Schulden, Zynismus und Asyl in Kanada

Europa in der Abwärtsspirale

Vancouver, 28. April 2010

Es ist kaum sechs Jahre her, dass der amerikanische Aktivist Jeremy Rifkin einen Best-seller über „Europas Traum“ veröffentlichte. Das Buch beschrieb, wie der Alte Kontinent mit seiner Zukunftsvision

selbst den „American Dream“ in den Schatten stellen und das 21. Jahrhundert gewinnen würde.

Europas humaner und erleuchteter Kapitalismus, so Rifkin, produziere zufriedenere, gesündere und besser ausgebildete Menschen, die für eine höhere Produktivität in der Wirtschaft sorgten.

 

Risikoverliebter Cowboy-Mentalität und Entdeckertum, so Rifkin, stünde auf der ande-ren Seite des Atlantiks ein eher risikobewusster Realismus gegenüber.

In Europa arbeite man um zu leben, während man in Amerika nur lebe um zu arbeiten.

Europa laufe Amerika in die Zukunft auf und davon, und zwar heimlich, still und leise, wie Rifkin damals anmerkte.

Das war in der Zeit als Amerika durch den Kater nach der Dotcom-Krise ging – und Europa sich langsam mit dem Euro anfreundete. Das ist nur sechs Jahre her.

Beide zentralen Rifkin-Prognosen haben nicht gestimmt, wie wir jetzt wissen.

Die Zukunft – zumindest für die Gemeinschaft – ist ungewiss und fraglich. Und das anfangs schleichende Schuldenproblem entwickelt sich zu einem rasenden Orkan. Von leiser Superiorität in Europa also keine Spur mehr.

Im Gegenteil: Europa ist in eine existenzielle Abwärtsspirale geraten. Das Krachen im Gebälk könnte auch vom Aufprall auf einen Eisberg kommen.

Ein Ozean von Schulden droht die Union zu verschlingen. Dabei dreht sich die Uhr täg-lich schneller und die Politik läuft ratlos hinterher.

kevin dooley, flickr

Wenn man das von Nordamerika aus betrachtet – als deutscher Europäer – lässt einen dieses Drama nicht kalt, auch wenn die dramatischen Ereignisse sich zehn Flug-stunden entfernt abspielen.

Bislang ging es um Schlagzeilen, Statements, Berichte, Wechselkurs-Entwicklungen, Analysten-Einschätzungen und Kommentare: Ein Problem auf dem Papier, das sich irgendwie lösen lassen würde, sei es durch noch mehr Schulden oder durch irgend-einen reinigenden Paukenschlag, dem – wie immer – ein Neuanfang folgen würde.

Doch jetzt droht ein Beben, das jahrzehntelang nachhallen und alle guten Perspek-tiven erst einmal zerstören kann.

In meiner Mailbox auf Gaertner´s Blog fand ich heute die folgende Nachricht, sie war nicht als blanker Scherz deklariert:

„Kann ich auf Deiner Ranch in Kanada um Asyl bitten? Ich möchte dann in Europa (und vorallem Deutschland) lieber keine Steuern mehr zahlen und hätte mein Gehalt lieber in einer Währung, die auch einen Tag später noch was Wert ist.“

Ehrlich gesagt, das ist Post, die ich eher aus Venezuela oder Zimbabwe erwartet hätte.

Der Hilferuf ist sicher nicht ganz ernst gemeint. Aber er gibt wieder, wie deprimiert viele in Europa von der eskalierenden Schuldenkrise sind und wie rasend sich Zynismus aus-breitet.

Eine kurze Suche auf www.search.twitter.com mit der Worteingabe Griechenland be-stätigt dies.

Unter den Tweets am Mittwoch abend europäischer Zeit, nachdem S&P auch Spanien herabgestuft hatte, wurden solche Bemerkungen und Fragen herumgereicht:

„Griechenland bald bei Ebay“  –  „Google kauft Griechenland“  –  „Jetzt auch noch Spanien pleite“  –  „Aufruf zu 1. Mai-Demo in Berlin“  –  „… Es folgen Italien, die Türkei und Deutschland“  –   „Ich nehme 10qm Strand auf Kreta“  –  „Morgen geht es um 250 Milliarden“ –  „Kohle(n) nach Athen tragen“  ….

Im Klartext: Das ganze Kartenhaus bricht in diesem Augenblick zusammen. Das Ge-bilde, das nach dem Zweiten Weltkrieg von weitblickenden Politikern erdacht wurde, um dem Nachkriegs-Kontinent einen stabileren Rahmen zu geben, endet als Witz-nummer.

Das eigentliche Fundament jeder Währung – Vertrauen – ist praktisch futsch. Und der Eindruck herrscht vor, dass jetzt alles ganz schnell gehen kann: Weitere Dominos, eine Serie von Staatspleiten, Radikalisierung, Volksaufstände, Gewalt in den Straßen ….

Griechische Verhältnisse werden auch in den USA befürchtet, nicht mehr nur von den Karikaturisten ...

Die Schockwellen sind auch auf der anderen Seite des Atlantiks noch so groß, dass selbst der Wall Street-Fankanal CNBC am Mittwoch aufgeregt Charts darstellte, die die Verstrickung von US-Banken in den ganzen EU-Schlamassel illustrieren.

Dabei ist das viel größere Problem, wie tief die US-Banken in der eigenen, amerika-nischen Verschuldungsproblematik gefangen sind.

Mit Budgetdefiziten um die 10% pro Jahr – und das unter dem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Radikalsanierer Obama (so das bislang schwach eingelöste Wahl-kampfversprechen) könnte die PIIGS-Gruppe ohne weiteres zu einer APIIGS-For-mation erweitert werden.

Vielleicht ist das der Grund, warum auch die USA zunehmend nervös werden und Obama in dieser Woche einen Defizit-Ausschuss einsetzte, der nun Geld oder ver-meidbare Kosten finden soll, die eine griechische Tragödie in Washington verhindern helfen.


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