Verfasst von: markusgaertner | April 27, 2010

Vom Sattelmacher zum Absahner

Die Goldman-Anhörung im Senat endet wie zu befürchten war: Mit wenig Fakten, aber  vielsagenden Eindrücken

Vancouver, 27. April 2010

Es kam wie es kommen musste, in der mehr als zehn Stunden währenden Anhörung sieben aktueller und ehemaliger Goldman Sachs- Manager am Dienstag im Senat. Hier die emotional geladenen Senatoren und ihre sprachlich gepfefferten Fragen. Die sichtlich aufgebrachten Volksvertreter im Untersuchungsausschuss des Senats mussten sich nicht erst bemühen, verärgert zu

wirken. Man sah ihnen den Ekel an. 

Dort die Goldmänner, denen für ein paar Stunden nur ein wenig von ihrer Arroganz abhanden kam, nichts aber von jener Verschlagenheit, mit der sie laut Recherchen der Börsenaufsicht SEC Klienten übers Ohr gehauen haben.

Lange Zeit redeten Abgeordnete und Geldmanager aneinander vorbei. Die Banker blätterten in dicken Ringbüchern mit Dokumenten und schindeten Zeit. Zugegeben wurde nichts, außer vielleicht von Fabrice Tourre, der Mann im Zentrum der von der SEC aufgedeckten Machenschaften.

Der 31jährige Bondhändler – als einziger in der SEC-Klageschrift namentlich genannt – räumte ein, der Verkaufsprospekt für das Abacus-Derivat hätte „akurater“ sein können.

Ansonsten wolle er vor Gericht seinen Ruf und seine Unschuld vehement verteidigen.

Einen der Höhepunkte erlebte die Anhörung in drei Akten, als der Ausschussvorsitzende Carl Levin Gooldman-CEO Lloyd Blankfein mit den ethischen Aspekten seines Tuns konfrontierte: „Sie können sicherstellen, dass jemand, dem Sie ein Papier verkaufen wollen, weiß, dass Sie wissen, dass es schlecht ist“, sagte Levin, „aber offensichtlich sehen Sie das nicht, und das stört mich, dass Sie das nicht sehen“.

Keiner der Goldman Sachs-Leute zeigte sich irritiert von der gestern oft gestellten Frage, wie es sich vereinbaren ließe, dass man seinen Kunden ein Produkt ans Herz legt und verkauft, während das eigene Handelsteam dicke Wetten gegen eben dieses Papier abgeschlossen hat.

„Was sagen Sie zu der Tatsache, dass Sie für hunderte von Millionen dieses Papier verkauften, nachdem Ihre Leute schon wussten, dass es ein shitty deal ist ?“, raunzte Levin den ziemlich düster dreinblickenden Daniel Sparks von Goldman Sachs schon am Morgen an. Sparks leitete zu der besagten Zeit die Hypothekenabteilung von Goldman Sachs.

Die Senatoren in dieser Anhörung waren sehr unterschiedlich vorbereitet. Am sichersten und stärksten wirkte Levin, der auch den größten Sachverstand mitbringt.

Herausgekitzelt haben sie alle am Ende wenig.

Doch das war nicht entscheidend. Der wichtigste Punkt ist, dass die Goldman-Manager mit ihrem Auftritt gestern all jene bestätigten, die eine schärfere Regulierung der Finanzmärkte fordern. Diesem Lager haben die uneinsichtigen Banker in die Hände gespielt.

Dass die Republikaner gestern zum zweiten innerhalb von Tagen eine Debatte zur Finanzmarkt-Regulierung torpedierten, ändert daran wenig.

Wie weit sich die Geldbosse von Goldman Sachs von der realen Wirtschaft entfernt haben, und wie wenig es sie kümmert, was sie mit ihren Deals anrichten, das ist mir gestern am Ende des Tages noch einmal klar geworden, als ich eines meiner Lieblingsbücher in die Hand nahm.

Es wurde 1967 von Stephen Birmingham herausgegeben und heißt „Our Crowd“. Es schildert die Geschichten der großen und berühmten jüdischen Familien von New York, die meisten von ihnen im 19. Jahrhundert von Deutschland in die junge USA ausgewandert: Die Schiffs, die Loebs, die Seligmans, die Warburgs und Goldmans.

Joseph Sachs, dessen Familie das Goldman Sachs-Imperium mitbegründete, kam in den 1840er Jahren aus Bayern nach Amerika. Sein Vater war unweit von Würzburg ein armer Sattler gewesen. Marcus Goldman kam ebenfalls aus Bayern und schlug sich nach der Ankunft in Amerika zunächst als fahrender Händler durch, bevor er einen Bekleidungsladen in der Market Street von Philadelphia startete.

Das waren bodenständige, erdverbundene, ehrliche und harte Jobs mitten in der physischen Wirtschaft des Kaufens und Verkaufens greifbarer Waren. Hätte der alte Goldman Klamotten mit Löchern oder versteckten Mängeln verkauft, wäre sein Laden nach wenigen Tagen zugenagelt und er aus der Stadt vertrieben worden.

Die Angestellten des auch nach ihm benannten Geldhauses haben geholfen, in einer Orgie von Gier und mit ethisch bankrotten Geschäftsmethoden eine Krise herbeizuführen, die Millionen von Amerikaner und Menschen außerhalb der USA sowie deren Familien schwer geschadet oder ruiniert hat.

Dass er und seine Kollegen dies in irgendeiner Form bedauern oder bereuen, diesen Eindruck haben Herr Blankfein und seine glatten Geldjongleure heute keinesfalls erweckt.


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