Verfasst von: markusgaertner | April 26, 2010

Die Wette des Jahrhunderts

Ein Deal, der sich um den Klimawandel dreht,

könnte alle anderen in den Schatten stellen

Vancouver, 26. April 2010

Der Einsatz war 7 Dollar. Der Gewinn könnte hunderte von Millionen Dollar betragen. Goldman Sachs war nicht beteiligt. Getätigt hat die Wette ein Eisenbahn-Mogul aus Denver namens Pat Broe. Er kaufte ein kleines Nest am Westrand der Hudson Bay, das keiner mehr haben wollte. Das war 1997. Churchill heißt das Kaff mit 1.000 Einwohnern. Je weiter sich das Eis der Arktis

in den kommenden Jahren zurückzieht, desto länger im Jahr können von hier aus Schiffe mit Weizen, Metallen und Maschinen gen Europa und Russland aufbrechen.

Gekauft hat Broe einen Spielplatz für Polarbären. Doch der Klimawandel macht aus Churchill ein globales Drehkreuz, wenn der Handel entlang der berühmten Nordwestpassage explodiert.

Churchill ist Kanadas nördlichste Hafenstadt. Wenn bislang jemand hierher kam, waren es meist Abenteuer-Touristen, die sich in Käfigen durch die eisige Tundra fahren ließen, um die nach Süden wandernden Polarbären zu beobachten. Ansonsten war Churchill, benannt nach einem entfernten Verwandten des berühmten britischen Premiers, ein vergessenes Fleckchen.

Außer vielleicht im Kalten Krieg.  Da war es auch ein militärischer Außenposten. Hier hielten Eskimos im Dienste der kanadischen Armee ihre sensiblen Ohren ans Eis, um russische U-Boote aufzuspüren.

Pat Broe kaufte 1997 aber nicht nur den 1.000 Kilometer vom Polarkreis entfernten Stadthafen. Er erwarb auch gleich für elf Millionen Dollar die 1.200 Kilometer lange Hudson Bay-Linie.

Die alte Eisenbahnstrecke verbindet den kanadischen Weizengürtel in den „Prärie-Provinzen“ Manitoba und Saskatchewan im Süden mit dem entfernten Churchill im kalten Norden.

Video eins: Oktober 2007 – Die „arktische Brücke“ von Churchill nach Russland wird eröffnet

Pat Broe war an Churchill interessiert, um Kosten zu sparen, er wollte für Europa be-stimmtes kanadisches Getreide in den Tundra-Hafen befördern und nicht auch noch Gebühren für die Verladung bezahlen. Also erwarb er die vier kleinen Piers mit einem alten Kran.

Aber seit dem Kauf überschlagen sich Meldungen, die seine kleine Investition als eine der ganz großen Spekulationen auf die Zukunft erscheinen lassen. Seit 2007 melden die NASA und mit der Vermessung der Arktis befasste Organisationen, dass das Eis so schnell schrumpft wie es seit Beginn der Messungen in den 70er Jahren nicht beob-achtet wurde.

Der Klimawandel ist bereits dabei, die legendäre und seit Menschengedenken zuge-frorene Nordwest-Passage zu öffnen. Das macht den Privathafen Churchill plötzlich zu einem potenziellen Knotenpunkt im Welthandel.

Seit dem Jahr 2007 überschlagen sich Ereignisse, die ahnen lassen, welche strategi-sche Rolle im Handel zwischen Nordamerika und Europa – aber auch über den Nordpol hinweg mit Russland – Churchill künftig spielen könnte.

Im Sommer 2007 meldeten NASA-Satelliten erstmals eine eisfreie Nordwestpassage. Das ist die Abkürzung vom Atlantik in den Pazifik, die jahrhundertelang von europä-ischen Forschern und Entdeckern ohne Erfolg erkundet worden war. Doch auf einmal malen sich Kreuzfahrt-Konzerne, Schiffsreeder, aber auch Öl- und Gas-Multis neue Routen, Wege und Vorkommen in der Arktis aus.

Churchill ist plötzlich kein verschlafenes Nest mehr, sondern ein strategischer Trumpf. Denn die Nordwestpassage stellt auf der Strecke New York-Shanghai immerhin eine Abkürzung von 7000 Kilometern dar. Auf der Fahrt von Südkorea in die Niederlande – für ein Frachtschiff 11.000 nautische Seemeilen – erlaubt die Nordwestpassage eine Abkürzung von 3.000 nautischen Meilen. Das macht 10 Tage Unterschied. Wertvolle Zeit, in der das Schiff schon wieder anderswo eingesetzt werden kann.

Video zwei: Im März 2008 warnte die EU in einer Studie der EU, ein eisfreies Polarmeer könne einen Krieg um die Ressourcen auslösen. Bis zu ein Viertel der noch nicht entdeckten Öl- und Gasvorkommen werden hier vermutet.

Im Oktober 2007 legte in Churchill mit der „Kapitan Sviridov“ das erste russische Handelsschiff an. Es hatte sich aus Murmansk über den Pol hierher gequält. Seither wird in kanadischen und russischen Zeitungen ausgiebig über die neue „arktische Brücke“ geschrieben, eine Seeroute zwischen Russland und Kanada, die sich auf beiden Seiten der Erdkugel beliebig nach Süden verlängern lässt: Auf nordameri-kanischer Seite per Eisenbahn von Churchill bis nach Mexiko und auf eurasischer Seite über Kasachstan bis nach Indien.

Im September 2009, durchquerten erstmals zwei deutsche Handelsschiffe der Fracht-gesellschaft Beluga die bislang für kommerzielle Schiffe nicht passierbare Nordwest-Passage. Die beiden Schiffe brachten aus Ulsan in Südkorea Konstruktionsteile für ein neues Kraftwerk in Sibirien und setzten ihre lange Reise dann nach Rotterdam fort.

Für 2009 listet die Webseite des Hafens von Churchill bereits die Beladung von 18 Handelsschiffen auf, darunter mindestens sechs für Transporte nach Europa, meist Italien, Spanien oder Portugal. An Bord haben fast alle Schiffe Weizen aus Kanada. Jetzt bahnen sich in Churchill Boomzeiten an, wie sie sich bislang kaum einer in der Gegend auszumalen wagte.

Auch politisch genießt der ehemalige Militärstützpunkt aus Zeiten des Kalten Krieges inzwischen Unterstützung. Im Oktober 2007 kündigte Kanadas Regierungschef Stephen Harper bei einem Besuch in Churchill Investitionen für umgerechnet 46 Mio. Euro in den maroden Hafen und die aus dem Süden der Provinz dorthin führende Eisenbahnstrecke an. Die Strecke gehört zur Churchill Gateway Development Corp., einer Public Private Partnership zwischen der Provinz Manitoba und der Transport-gesellschaft OmniTrax von Pat Broe.

Die plötzliche Aufmerksamkeit für Churchill hat indes nicht nur etwas mit dem Klima-wandel zu tun. Sondern auch mit großen Öl- und Gasvorkommen, die im Polarmeer vermutet werden. Sie haben die Anrainerstaaten auf den Plan gerufen und nicht nur einen Erkundungswettlauf für Energie in der Polarregion ausgelöst, sondern auch kollidierende Ansprüche auf die Territorien rund um den Pol.

Zwei Monate vor dem Auftritt von Kanadas Premier in Churchill hatte ein russisches U-Boot mit seiner Flaggenparade am Nordpol weltweit Aufsehen erregt und zwischen den Küstenländern am nördlichen Polarmeer – darunter Kanada – den Startschuss für einen Wettlauf um die territorialen Ansprüche am Nordpol gegeben. Wer dort Roh-stoffe abbauen, Fracht oder Touristen transportieren und seine Souveränitätsan-sprüche geltend machen will, der braucht natürlich einen Hafen, am besten einen Tiefseehafen.

Video drei: Im August 2007 setzte ein rusisches U-Boot am Nordpol eine Flagge, eine Art Startschuss im Ringen der Anrainersaaten um die Souveränitätsrechte

Noch kann Pat Broe nicht daran denken, seine Traumrenditen für die weitsichtige Investition einzustreichen. Bislang hat OmniTrax rund 50 Mio. Dollar in die Moder-nisierung von Hafen und Eisenbahnstrecke gesteckt. Im Hafen können jetzt Schiffe der Panama-Klasse mit 60 000 Tonnen Kapazität anlegen.

Doch in Branchenkreisen ist Churchill in aller Munde als der Ort mit der kürzesten Seeroute von Nordamerika nach Europa, aber auch als „ein künftiges Drehkreuz für die kürzeste Seeroute zwischen Nordamerika und den rasant wachsenden Märkten in Asien, vor allem China, Indien und Russland“, bekräftigt der Verkehrsexperte Michael Berk am Canadian Institute of International Affairs.

Pat Broe und sein Privathafen Churchill dürften damit auf lange Sicht einer der größten Gewinner des Klimawandels sein.

„Die Klimaerwärmung erlaubt uns bessere Schiffsrouten zwischen Russland und Kanada“, schwärmte im Oktober 2007 Sergey Khuduiakov, Russlands Presseattaché in Ottawa: „diese arktische Brücke hat ausgezeichnete Perspektiven.“ Seefracht von Murmansk nach Nordamerika wird bisher über den St.-Lorenz-Strom und die Großen Seen nach Ontario geschippert, was 17 Tage dauert; doch Murmansk-Churchill kann bei günstigem Wetter in acht Tagen bewältigt werden.

Dass auch Europa an dieser Verbindung hängt, bewies die „Kapitan Sviridov“, als sie Churchill Ende Oktober 2007 wieder verließ – und mit kanadischem Weizen beladen Italien ansteuerte. Weizenlieferungen nach Europa dürften zunehmend über Churchill abgefertigt werden, denn der Hafen ist für ein Viertel der kanadischen Weizenernte der nächste Verladepunkt im Schiffsverkehr.

Schaubild eins: Aufstellung der Verladetätigkeit im Hafen von Churchil im Jahr 2009 / Europa ist ein wichtiges Ziel

Der Canadian Wheat Board, eine Vereinigung westkanadischer Bauern, die als welt-weit größter Distributor von Weizen und Gerste gilt, will den Export über Churchill nach Europa und Asien systematisch ausbauen. Der Wheat Board gilt schon jetzt als größter Einzelkunde im Hafen von Churchill. 2007 verlud die Organisation hier 621 000 Tonnen Getreide, das größte Volumen seit 1977.

Die Erwärmung der Erdatmosphäre hilft. Von Juli bis November ist Churchill bereits vier Monate im Jahr für den Schiffsverkehr geöffnet. Die Saison hat sich seit den 90er-Jahren um zwei Wochen im Jahr verlängert, heißt es in Manitoba.

„Das ist die positive Seite des Klimawandels, wenn es so etwas überhaupt gibt“, sagt Manitobas ehemaliger Transportminister Ron Lemieux, der heute in der Provinzre-gierung für die Verbindung zu den Kommunen zuständig ist.

Lemieux hofft darauf, dass die Verhandlungen zwischen Ottawa und Moskau über einen Ausbau des arktischen Korridors zügig vorankommen. An beiden Enden der Verbindung wird eifrig für die „neue Seidenstraße“ geplant.

 

Lemieux kündigte im Dezember 2007 umgerechnet eine Mrd. Euro Infrastruktur-Investitionen für Manitoba an. Die Provinz soll in den kommenden vier Jahren zu einem Transportzentrum in Nordamerika ausgebaut werden. Churchill hat einen festen Platz in den ehrgeizigen Plänen.

„Wenn wir unsere Karten richtig spielen, werden wir der Nordbahnhof für den konti-nentalen Korridor zwischen Kanada, den USA und Mexiko, aber auch der bevorzugte Korridor, der die Provinzhauptstadt Winnipeg mit dem Hafen von Churchill und Russland verbindet“, sagt er.

Trotz all dieser Perspektiven kommt bei Pat Broe noch keine Euphorie auf. „Da haben wir noch gewaltige Marketing-Streckübungen vor uns, um den Frachtunternehmen zu erklären, warum sie Churchill ansteuern sollen“, lässt er über den OmniTrax-Geschäftsführer Michael Ogborn mitteilen. Er selbst vermeidet strikt jeglichen Kontakt zu den Medien.


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