Verfasst von: markusgaertner | April 24, 2010

Wie Knastausbruch in Nadelstreifen

US-Firmen nutzen vermehrt Kunstgriff

zur Befreiung von Immobilienschulden

Vancouver, 24. April 2010
 
 
Wenn man sich vorzeitig aus dem Gefängnis verabschiedet, heißt das Ausbruch. Wenn man sich einseitig und vor der kompletten Tilgung von Schulden verabschiedet, heißt das vornehm „strategische Zahlungsunfähigkeit“ (strategic default). Im Internet werden hierfür
 
regelrechte Immobilien-Workshops angeboten. 
Eine neue Masche in den USA – und wie darüber berichtet wird – zeigt wieder einmal: Die Wortwahl bestimmt darüber, wie etwas von der Öffentlichkeit wahrgenommen wird.
 
Wir kennen das von der Debatte über den schwach bewerteten chinesischen Renminbi.
 
Wenn der Dollar in den Keller geredet oder schlicht fallen gelassen wird, heißt das Forex-Managment.
 
Wenn die Chinesen billig exportieren wollen, spricht man in Washington dagegen von Manipulation.
 
Die Strategic Default-Masche – die seit Ausbruch der Krise verstärkt beobachtet wird und derzeit von Firmen am Markt für Gewerbe-Immobilien sprunghaft Zulauf findet, ist auch so ein Fall..
 
Bild: So endete das im 19. Jahrhundert, wenn man seine Schulden nicht begleichen konnte, oder wollte. Heute wird das an der Wall Street vornehm als „Strategic Default“ bezeichnet und klingt fast so, als handle es sich um ein kunstvolles Manöver.
 
 
 
Manche Beobachter deuten die grassierende Verbreitung dieser Verhaltensweise als Zeichen wachsender Depression im Immobiliensektor.
 
Andere sehen in der „schleich-dich-raus“-Masche den Anfang vom Ende der Immobilientalfahrt. 
 
Egal wer recht behält, die Methode ist gesellschaftlich brisant. Das hat man schon vor ein paar Wochen in den USA gesehen. Da sprach der Jura-Professor Brent White von der University of Arizona eine Empfehlung aus, die landesweit für enormen Wirbel sorgte.
 
White empfahl Hausbesitzern in einer Aufsehen erregenden Studie, das Haus einfach zu verlassen und die Schlüssel der Bank zu schicken, wenn sie „unter Wasser“ geraten. Das ist US-Jargon für Häuslebesitzer, deren Hypothek den Wert des Hauses übersteigt.
 
 
Jetzt zeigt sich, dass immer mehr Firmen, die im Boom bis 2007 Hypotheken für den Kauf von Büro- und Industrie-Immobilien aufgenommen hatten, genau das tun.
 
Die Seattle Times berichtet von der „strategischen Zahlungsunfähigkeit“ des größten Eigentümers von Büro-immobilien im pazifischen Nordwesten der USA, den Beacon Capital Partners.
 
Die haben ihren Sitz zwar in Boston, aber das berichtete Drama spielt sich in Seattle ab.
 
Und das sieht so aus:
 
Beacon hatte im Jahr 2007 – wie wir wissen auf dem Höhepunkt des Booms – 2,7 Mrd. USD ausgeliehen, um 11 Bürotürme zu kaufen.
 
Weil die Belegungsraten von anfänglich über 90% auf jetzt etwa 25-30% gesunken sind, reicht im laufenden Jahr das Einkommen aus der Vermietung (nach Abzug der Betriebskosten) nur noch, um 20% der Verpflichtungen aus dem Kredit zu decken.
 
 
Beacon hätte zwar nach Einschätzung lokaler Experten genügend Cash, um die Zinsen dieser „interest only“-Hypothek zu bedienen, will aber nach dem Urteil von New Yorker Experten, die in dem Bericht genannt werden, „keine Zahlungen auf veraltete Immobilienwerte“ tätigen.
 
Privaten Kreditkunden, die in den USA millionenfach mit dem Rücken zur Wand stehen, will man solches Verhalten freilich weiterhin nicht durchgehen lassen. Schätzungsweise sieben Millionen Amerikaner sind mit ihrer Hypothek in Verzug. Vielen von ihnen droht eine Zwangsversteigerung.
 
Bis dahin wollen es Firmen freilich nicht kommen lassen. Wenn sie Zahlungen auf ihre Kredite einstellen, können sie über viele Jahre die Reputation und damit komplett das Geschäft verlieren.
  
Eine „Überweisung“ der Schulden an einen Kreditverwerter schafft dagegen den nötigen Nachdruck, damit die Bank, von der das Kapital ausgeliehen wurde, reagiert.
 
„Wir sehen eine Menge solcher strategischer Zahlungsunfähigkeiten“, heißt es dazu vom Senior Market Analyst bei der Researchfirma Real Capital Analytics in New York. Dieser Hinweis dürfte einen wichtigen Teil der Erklärung dafür darstellen, dass viele Banken mit großen Gewerbeimmobilien, die in Verzug geraten sind, mehr Geduld als ursprünglich erwartet haben.
 

  


Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: