Verfasst von: markusgaertner | April 17, 2010

Gottes schmutzige Börsentricks

 „In finance, everything that is agreeable is unsound

and everything that is sound is disagreeable“

Winston Churchill 

Vancouver, 18. April 2010 

Der vergangene Freitag wird in die Annalen der Finanzgeschichte eingehen. Es war der Tag, an dem für die Wall Street die Karten neu gemischt wurden.  Jetzt ist der Spieß umgedreht. Arrogante Banker, die sich als Vollstrecker von Gottes Werk wähnten als sie dem Rest der Welt

das Hemd auszogen, stehen nun mit dem Rücken zur Wand. 

Die Klage gegen Goldman Sachs ist der Anfang, nicht das Ende der Aufarbeitung dieser Krise, die Gier, Betrug, Arroganz und ein in der Menschheit fast zyklisch wiederkehrender Verfall der Sitten mit sich gebracht hatten. 

Die Vampir-Krake, die sich – in den berühmten Worten von Matt Taibbi beim Rolling Stone – auf das Gesicht der Menschheit gesetzt hatte, hat dieselbe jetzt nicht nur im eigenen Nacken, sondern juristisch an der Gurgel. 

Goldman Sachs hat für seine Verteidigung gegen die schweren Vorwürfe der US-Börsenaufsicht nur zwei Möglichkeiten. 

Entweder, Herr Blankfein („Gottes Werk“) wusste was vor sich ging, als insti-tutionelle Kunden der SEC-Recherche zufolge reihenweise abgezockt wurden – dann ist er vor dem Gesetz für Betrug verantwortlich; oder, worauf die Verteidigung wohl hinauslaufen dürfte: Er hatte keine Ahnung von den unappetitlichen Vorgängen. 

Im Klartext: Goldman Sachs ist in einer Ecke, aus der es nicht ohne weiteres – wenn überhaupt – herauskommt.

8,2 Millionen Amerikaner haben in der Krise ihren Job verloren

Denn wenn Herr Blankfein von den Vorgängen keine Ahnung hatte, dann wird man sein entlarvtes Geldhaus von jetzt ab nicht mehr als „Too Big to Fail“ bezeichnen, sondern als „Too Big to Manage“. 

Und das heißt nichts anderes als dass der anstehende Goldman-Prozess all jenen Kri-tikern massiv in die Hände spielen wird, die eine Zerschlagung der Megabanken an der Wall Street fordern. 

Simon Johnson hat diesen Zusammenhang im „The Baseline Scenario“ unter der Über-schrift „Our Pecora Moment“ trefflich auf den Punkt gebracht: 

Either Blankfein knew what was going on – and is therefore liable before the law – or he was clueless and therefore incompetent.  Either way, the much vaunted risk management and control systems of Goldman, i.e., what is supposed to prevent this kind of thing from happening, are exposed to be what we have long here claimed: bunk (as I argued with Gerry Corrigan, former head of the NY Fed and long-time Goldman executive, before the Senate Banking Committee when we both testified on the Volcker Rules in February). 

 “Too big and complex to manage” is actually the best defense for Goldman’s executives and they should offer to break up the firm into smaller and more transparent pieces as a way to settle the firm’s liability with the SEC.  The current management of Goldman – along with the team that ran the firm under Hank Paulson – have destroyed the value of an illustrious franchise.  Goldman used to stand for something that customers felt they could trust; now it is just a sophisticated way of ripping them off. 

Mehr noch: Das Timing der SEC-Klage gegen Goldman Sachs hätte kaum ver-heerender sein können. 

 

Denn ausgerechnet in den vergangenen Tagen haben gleich zwei regionale Präsi-denten der US-Notenbank offen eine Zerschlagung der größten Banken gefordert. 

Einer von ihnen ist Richard W. Fisher, der Präsident der Fed in Dallas. Er beklagte am 14. April bei einer öffentlichen Rede in New York, dass sich in den vergangenen 20 Jahren die Durchschnittsgröße der US-Banken als prozentaler Anteil am Brutto-inlandsprodukt  verdreifacht habe. So sei die Summe der Anlagevermögen der 10 größten US-Banken am BIP von 25% im Jahr 1990 auf zuletzt fast 60% gestiegen. 

Die Banken sind damit in Fishers Augen so groß geworden, dass „ihr Management wohl das eigene Risiko nicht mehr in vollem Umfang versteht“. 

In den Worten Fishers sieht das Problem so aus:

Existing rules and oversight are not up to the acute regulatory challenge imposed by the biggest banks. First, these large institutions are sprawling and complex—so vast that their own management teams may not fully understand their own risk exposures, providing fertile ground for unintended “incompetence” to take root and grow. It would be futile to expect that their regulators and creditors could untangle all the threads, especially under rapidly changing market conditions. Second, big banks may believe they can act recklessly without fear of paying the ultimate penalty. They and many of their creditors assume the Fed and other government agencies will cushion the fall and assume some of the damages, even if their troubles stem from negligence or trickery. They have only to look to recent experience to take some comfort in that assumption. 

 

Fisher zitiert Andrew Haldane, den Direktor für die Stabilität der Finanzmärkte bei der Bank of England aus einer aktuellen Rede mit der Angabe, die Weltwirtschaft hätte ohne die ausklingende Krise 60.000 Milliarden Dollar mehr erwirtschaften können.

In diese Summe passt das amerikanische Bailout-Programm von 700 Mrd. Dollar 86 Mal rein. Das chinesische Anschubprogramm, das als Prozentsatz des BIP noch viel größer war als das der USA, würde in diese Summe 102 Mal hineinpassen. 

Daher Fishers klare Schlussfolgerung in dieser Rede, die einige, aber sicher nicht genügend Beachtung gefunden hat: Die „Too Big to Fail“-Banken müssen zer-schlagen werden: 

The point is there are limits to size and to scope beyond which global authorities should muster the courage to draw a very bright, red line …. I think the disagreeable but sound thing to do regarding institutions that are TBTF (Too Big To Fail) is to dismantle them over time into institutions that can be prudently managed and regulated across borders. And this should be done before the next financial crisis, because we now know it surely cannot be done in the middle of a crisis. 

 

Ähnlich hat vor kurzem der Präsident der Fed in Kansas City, Thomas M. Hoenig, argumentiert. Den Hinweis der Befürworter von Megabanken, die USA brauche so große Player um im internationalen Wettbewerb nicht zurückzufallen, bezeichnete Hoening in einem Interview mit der Huffington Post als reine „Phantasie„. 

Es mag Zufall sein oder nicht. Aber in den Tagen vor Bekanntgabe der Klage gegen Goldman Sachs hatten ja auch zwei äußerst prominente Ökonomen bzw. Investoren die Wall Street und die US-Politik eindringlich davor gewarnt, so weiter zu machen wie bisher und gedrängt, mehr Lonsequenzen aus dem Desaster zu ziehen. 

George Soros warnte bei einer Veranstaltung des britischen ECONOMIST in der vergangenen Wohe, der größte Crash in der Geschichte der Kapitalmärkte stehe erst bevor. 

Und David Roche, der „Global Strategist“ bei Independent Strategy – der die be-gonnene Erholung von der Finanz- und Konjunkturkrise in Anspielung auf falsch ausgegebenes Geld als „toilet-shaped“ bezeichnet – hält auch die aktuelle Wirtschaftspolitik für völlig falsch, weil sie neue Blasen erzeugt

Bankkonzentration in den USA / Business Insider, Clusterstock / Quelle: http://www.huffingtonpost.com/2010/04/05/big-banks-dominate-us-ban_n_525103.html#s78649

Vier gewichtige Statements und Warnungen in wenigen Tagen, davon zwei aus den elitären Zirkeln der Fed, hatten schon vor Bekanntgabe der Klage gegen Goldman Sachs signalisiert, dass sich das Blatt gegen die Wall Street-Giganten zu wenden beginnt. 

Sie haben dies nicht erkannt oder zu lange ignoriert. Jetzt werden sie dafür bestraft. 

Die Rechnung dafür wird sehr hoch ausfallen: Imageverlust, Vertrauensverlust, politischer Gegenwind, weitaus schwierigeres Lobbying – und viel weniger Einfluss auf die Regulierung als bisher.

Wie immer der anstehende Prozess ausgeht, er wird viel zutage fördern, was den Banken enorm schadet.

Und Tausende von betrogenen Anlegern – privat und institutionell – stehen in den Startlöchern für Massenklagen.

 

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