Verfasst von: markusgaertner | April 15, 2010

Geiz 2.0 – Da wird selbst Aldi neidisch

Online-Supermärkte für Pfennigfuchser

stürmen die Blog-Hitparaden

Vancouver, 13. April 2010

Sie heißen Deal Doktor, Spar Blog und Preisfuchs. Sie hängen schon am frühen Morgen alle anderen Blogs hoffnungslos in der Lesergunst ab. Außer vielleicht Paparazzi-Seiten, die Innenansichten von Promis versprechen, oder Foren für „Erwachsene“, die dem nächsten Seitensprung

entgegen fiebern.

In den Top Ten der Rankingseiten finden sich fast zu jeder Tageszeit zwei oder drei – manchmal mehr – dieser Preisdrücker-Blogs. 

Ihre Lockmittel sind magische Sparangebote: Gutscheine, Niedrigpreise, „Kino Kostenlos“ und viele Discountversprechen – Geiz-Erlebnisse so weit das hungrige Auge reicht.

Kaum jemand weiß, wieviele Geiz-Kaufhäuser es online gibt.

Viele von ihnen grasen wie ein Fish-Trawler den Einzelhandel ab und suchen den gün-stigsten Preis für ein bestimmtes Produkt: Windeln, Ledertaschen, Dachziegel, Aquarien, Hörgeräte. Andere finden bei einem vorgebenen Händler die billigsten Angebote.

Und wieder andere springen den Besucher geradezu mit Lockangeboten an: Schuhe für 75% weniger, reparierte Fast-Neuheiten mit 80% Nachlass, oder Flugzeugtickets zu S-Bahnpreisen am Tag des Abflugs.

Wieder andere bieten Coupons für thematische Einkaufstripps an. Sie organisieren Nachlässe bei Händlern, zu denen man gerne geht. Oder sie fungieren wie ein Termin-geschäft an der Börse: Sie suchen Anbieter, die ein vom Kunden vorgegebenes Preis-limit unterbieten können.

Im Klartext: Sie geben dem Käufer immer mehr „Tools“ an die Hand, um die andere Seite auszuhebeln.

Da ahnt man, wie „empowered“ sich die Wall Street-Pfriemler in den Handelsräumen gefühlt haben mögen und wie entzückt sie ganz sicher waren, als Heerscharen von Finanzmathematikern ihnen in den Jahren vor der Krise immer neue herrliche Schraubenzieher für ihren derivativen Instrumentenkoffer in die nervöse Hand drückten.   

Ein weiteres Beispiel: Bei ShopGala, das sich selbst als größte weltweite Kollektion von Gutscheinen vermarktet – niemand weiß, ob´s stimmt – werden vor dem Absenden eines Kaufauftrags alle zu den ausgewählten Produkten passenden Coupons automatisch rausgesucht und verrechnet, um auch wirklich die letzten Prozent-pünktchen Rabatt herauszuschinden.

Eine groß angelegte Treibjagd für Preisfüchse ist das, egal was die gerade suchen: Selbstreinigende Katzenklos zum halben Preis, ein Starbucks-Kaffee für Null Cent, eine Bar mit billigen Getränken für geringverdienende Schwulenpaare, die ein günstiges „Date“ planen. Alles scheint machbar.

Was hat das mit Wirtschaft zu tun, mag man fragen.

Aber das ist überflüssig. Nichts hat mehr mit Wirtschaft zu tun als investieren, produzieren – oder eben sparen.

Nicht wenige sind so herum Millionär geworden.

Und in Zeiten die so schwierig sind wie diese, wird aus fast jedem von uns ein Geiz-kragen.

Die laufende Krise hat den Geiz jedoch von Grund auf verändert. Sie hat seinen Charakter neu definiert. Und sie hat ihn technisch verfeinert, auf die Spitze getrieben. Vielleicht hilft das, den enormen Reiz der Geizkragen-Seiten zu erklären.

War Geiz früher ein Sport, ein Vergnügen, ein luststeigerndes Sparhobby, so ist er in-zwischen für viele eine ernste Beschäftigung, eine ökonomische Notdurft.

Mehr noch: Die technischen Möglichkeiten des Internets haben aus dem herkömm-lichen Geizkragen einen zementköpfigen Limit-Tyrannen gemacht, der nicht mehr ein-fach in den nächsten Discountladen marschiert und sich so mir nichts dir nichts irgendwelche Preise vorgeben lässt, auch wenn sie scheinbar bodenlos günstig sind.

Jetzt wird dem Sparen ein ultimativer Kick gegeben. Auf den Geizseiten werden vom Käufer knausrige Preislimits hinterlegt: So viel zahle ich, mehr nicht. Basta !

Die Billigheimer genießen dann oft jede Minute bis es zum Deal kommt. Denn bis da-hin wird ihre Lust weiter gesteigert. Das Gefühl kennt man schon von etlichen Auktions-Seiten, wo die ersten Preiseingaben manchmal fast so erotisch sind wie ein Vorspiel.

Unflexible Händler, die lange zögern bis sie auf ein Limitgebot eingehen, müssen da-gegen jede Minute leiden und fürchten, dass der Pfennigfuchser an seinem Computer einen besseren Deal auftreibt und so die Abwärtsspirale der Niedrigpreise unbarmherzig weiter dreht.

„A race to the bottom“ heißt das ganz zutreffend im Englischen.

Es handelt sich um eine Abwärts-Auktion, bei der noch die letzten Tiefflugangebote locker abgeschossen werden. 

Im Verlauf wird der Kunde endgültig zum Herr des Verfahrens, zum Master of the Price-Universe. 

Eine Seite in den USA – Groupon.com – hat die Preisabschneiderei sogar zum Gruppen-erlebnis umfunktioniert.

Der Name Groupon setzt sich zusammen aus Group und Coupon. Von T-Shirts über Restaurantbesuche bis hin zu Fernreisen wird hier alles superbillig angeboten, wenn sich innerhalb einer Stadt ausreichend viele Seitenbesucher organisieren und den „Deal of the Day“ annehmen.

Die kritische Masse macht´s. Hat sie ja schon immer. Aber bislang war sie eben schwierig zu organisieren.

Einfacher ist der Billigeinkauf durch die Web2.0-Revolution aber nicht unbedingt geworden.

Wurde früher in einem oder wenigen Läden kurz geschachert, wird heute aufwändig gesucht und verglichen, oft auch tage- oder wochenlang gewartet, bis sich ein Händler in Bezug auf den Preis gnadenlos weichkochen lässt. Außerdem weiß man nie, ob das identifizierte Angebot wirklich das billigste ist.

Und die ewig langen Beprechungen und Kritiken  („Reviews“) der einzelnen Händler, über die man bestellen kann,  ziehen sich gelegentlich in die Länge wie das Büffeln in der UNI-Bibliothek. 

Entscheidend scheint eines: Sich rechtzeitig überlegen was man braucht, und dann geduldig warten.

Den günstigsten Preis garantiert aber selbst das nicht immer. So habe ich auf einer der Schnäppchen-Seiten einen Taschen-Camcorder für 40,37 Euro gefunden. Der ga-rantierte Tiefstpreis war jedoch nach lediglich einer Minute Suche bei Amazon nur noch der zweitbeste. Den neuen „Tiefstpreis“ bot der Online-Buchhändler mit 33,48.

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