Verfasst von: markusgaertner | April 12, 2010

Schwindsucht, Mr. President !

Obamas Wirtschaftsbericht an den Kongress offenbart

die schleichende Implosion der US-Wirtschaft

Vancouver, 12. April 2010

Ich habe mir heute einen Luxus geleistet, den kaum noch ein Journalist in den radikal ausgedünnten Redaktionen genießen kann: Ausgiebiges Stöbern in interessanten Dokumenten. Beim jüngsten „Economic Report of the President“ (Obama) an den US-Kongress vom Februar blieb mir fast die Spucke

weg. Keine wirklich neuen Nachrichten oder Themen, aber die ganze Erosion der USA, die schleichende Implosion des einstmaligen Dynamos der Weltwirtschaft, wird hier offenbar.

Es ist die Häufung von alarmierenden Langfristcharts in dem 450 Seiten langen Papier, die es rechtfertigt, an dieser Stelle ein paar Zeilen aufzuschreiben.

Mein Eindruck: Die Erosion der Supermacht hat in Wirklichkeit in den 70er Jahren begonnen, lange vor Reagan. Sie wurde in Gang gesetzt durch unrealistische politische Ziele wie die „Ownership Society“, die aus den 300 Millionen Amerikanern fast ein Volk ohne Mieter, ausschließlich von Hausbesitzern gemacht hätte. Erst die Krise ab 2007 mit ihren bekannten Ursachen trieb die zahlreichen Fehlentwicklungen bis zum Siedepunkt. 

Zahlreiche Tabellen in dem dicken Präsidenten-Schinken dokumentieren – während die Citigroup-Manager noch lamentieren – ganz klar, dass spätestens ab 2006 die Alarmglocken läuten mussten.

Und die Charts in dem Dokument belegen auch, dass die Amerikaner seit mindestens 20 Jahren gegen das Absaufen ankämpfen, bei stagnierenden Löhnen für die Mittel-klasse und die Armen, aber rasanten Steuersenkungen für die Reichen.

GRAFIK eins: Die Gesellschaft fällt auseinander. Es sind aber nicht die 2% Spitzenverdiener, die die US-Wirtschaft vorantreiben, sondern die vielleicht 90% „Joe Sixpacks“ und gefühlten Mittelständler, die weniger als 100.000 USD im Jahr verdienen und täglich die Malls in Amerika stürmen, auch wenn ihr Paycheck für den Monat schon ausgegeben ist.

Mehr noch:  Das Land steht trotz der Krise erst am Anfang des dritten langjährigen Konsumrauschs, der den Cashflow eines ganzen Volkes weiter weg von Ersparnissen lenken und damit Investitionen verhindern wird.

Das führt dazu, ebenfalls hier in Grafiken aus dem Dokument belegt, dass die USA – anstatt mit der von Obama versprochenen Erneuerung Ernst zu machen – weiterhin ihre wertvolle Substanz verzehren. Einstürzende Brücken, antiquarische Highways und marode Schulgebäude künden davon im ganzen Land.

Und schließlich: Die ökonomischen Prognosen aus dem Weißen Haus für Wachstum und Inflation stammen aus dem Wolken-Kuckucksheim und lassen Realisten nur erschaudern. Rund 5% jährliche BIP-Zuwächse bei etwa 2% Teuerungsrate bis 2020! Da fragt man sich, welches Gras die Berater des Präsidenten zuletzt geraucht haben.

GRAFIK zwei: Der Immobilienschocker ist längst nicht zu Ende

GRAFIK drei: Back to old habits, der Konsumrausch geht weiter. Seit dem 4. Quartal nimmt der private Konsum wieder schneller zu als das BIP.

GRAFIK vier: Die Kreditqualität verschlechterte sich schon ab Ende 2006 deutlich. Warum ist nichts geschehen ? Korruption und schlechte Aufseher. Kein Cocktail zur Gewinnung der Zukunft.

GRAFIK fünf: Prognosen wie aus der Märchenstunde. Bis 2020 jeweils 5% Wachstum und kaum Inflation. Selten so gezweifelt.

GRAFIK sechs: Der Homeownership-Dream ist geplatzt, der freie Fall bis zum langjährigen Schnitt dürfte eine Weile andauern. Konsequenz: Flaute für die Bauwirtschaft, anhaltender Preisdruck für Häuser, keine Ruhe im Epizentrum und Ausgangspunkt der jüngsten Krise.

GRAFIK sieben: Wie heißt das nochmal unter Medizinern, wenn man sich langsam selbst aufzehrt ? Die Krankheitskurve dafür ist hier zu sehen. Seit den 70er Jahren gehen wichtige Investments zurück.

 GRAFIK acht: Die Verschuldung nimmt bekanntlich viel schneller zu als erwartet. Hier ist die billionenschwere Überraschung schön illustriert. Ökonomisch heißt das, das Schuldenmonster Staat zieht der Privatwirtschaft zunehmend Kapital ab – oder verteuert dessen Ausleihung. Die Wirkung ist ähnlich: Die Entleerung und Auszehrung des wirtschaftlichen Riesen geht ungebremst weiter. 

GRAFIK neun: Wer killt die Konjunktur zuerst, das Gesundheitswesen, die Schuldenspirale, die militärische Überdehnung, oder der einsam expandierende Staatssektor ?

GRAFIK zehn: Kein verlorenes Jahrzehnt, ein verlorenes Halb-Jahrhundert ! Die Löhne fest angestellter männlicher Mitglieder des amerikanischen Erwerbsheeres stagnieren seit den 70er Jahren, weshalb die Kurve für die Damen ansteigt. Diese müssen immer öfter einspringen, um als zweite – oder dritte – Einkommensquelle den Lebensstandard ihrer Familien zu verteidigen.

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