Verfasst von: markusgaertner | April 1, 2010

Das Ahorn und die Yankees

Kanada wird immer mehr zum Gewinner der Krise

Vancouver, 2. April 2010

Die Olympischen Winterspiele in Vancouver haben Kanada unter Strom gesetzt. Aller-orten scheint ein neuer Nationalstolz hervor. Nicht, dass die 32 Millionen Menschen im Ahornland wenig nachzuweisen hätten. Aber wie in Deutschland bei der letzten Fussball-WM haben die sportlichen Erfolge sie elektrifiziert und ihr Selbstvertrauen sichtbar gestärkt.

Plötzlich ist man im „Big White North“ nicht mehr nur der kleine Bruder der großen USA, ein Schatten, der sich lediglich als Funktion der (bis zur Krise) glänzenden Supermacht erklären lässt.

Immer weniger definieren sich dieser Tage die Kanadier durch Vergleiche mit den USA. Schließlich liegt der große Nachbar – mit 300 Millionen Einwohnern 10 Mal so groß – in der (angeblich) ausklingenden Krise trotz der jüngsten BIP-Zahlen ziemlich schlapp am Boden.

Ontarios Bruttoinlandsprodukt ist größer als das der meisten europäischen Länder

Ganz anders nördlich der Landesgrenze: In Kanada ist der Immobilienmarkt robust, die öffentlichen Schulden sind moderat; neue Jobs werden schon seit Monaten wieder produziert. Und der „Loonie“, der kanadische Dollar, setzt seit Tagen dazu an, Parität zum Greenback zu erreichen und diesen zu überholen.

Nicht nur in den Bankentürmen von Toronto herrscht ein neues Überlegenheitsgefühl – das man aber ganz auf kanadische Art höflich zügelt und zurückhält. Prahlen ist ver-pöhnt, doch mächtig freuen kann man sich doch über die guten Zahlen.

So planen die Banken im Ahornland längst ihre nächste Expansionswelle. Und die Pro-vinz Ontario, die mehr Wirtschaftsleistung erbringt als Schweden, Belgien und die Schweiz, promotet sich in Europa und Asien eifrig als Standort mit Zukunft.

Kanadas Geldhäuser haben gut Lachen. Das Weltwirtschaftsforum hat die fünf Top-institute des Landes in den vergangenen zwei Jahren zu den solidesten der Welt gekürt. Bailouts hat es in Toronto nicht gegeben. Im Gegenteil, Kanadas Topbanken sind in der globalen Rangliste der führenden Geldhäuser deutlich aufgestiegen.

Während die Mitstreiter in Europa und den USA noch mühsam ihre Bilanzen reparie-ren, wird in Toronto bereits überlegt, wie man die gut gefüllten Kriegskassen einsetzt, um die Schwäche auf dem US-Markt am besten zu nutzen und im renditestarken Retailgeschäft – vor allem auch in Kanada – weiter zu wachsen.

Europas Kreditinstitute entdeckten erst im Verlauf der Krise die Schalterhallen wieder – von den Sparkassen mal abgesehen. Doch Kanadas Geldhäuser hatten die Top-priorität dieses lukrativen Segmentes nie infrage gestellt.

Für die vergleichsweise geringen Blessuren der Banken in Kanada gibt es verschie-dene Gründe: Strengere Vorschriften sind einer davon. Eine gewisse Abneigung gegen riskante und komplexe Papiere ebenso. Und schließlich nimmt das Einwanderungsland jedes Jahr eine Viertelmillion Immigranten auf. Das ist ein steter Strom neuer Kunden, die man nur richtig ansprechen muss.

Auch dies hat die Institute im Ahornland vor gefährlichen Abenteuern mit Derivaten in einem gewissen Umfang bewahrt: Weil es sich um ein riesiges Flächenland handelt – das zweitgrößte auf diesem Globus – mussten Kanadas Banken traditionell (wie die ARD) eine Art Grundversorgung gewährleisten, auch im dünn besiedelten Hinterland.

Und ähnlich wie die ARD bekommen sie dafür eine garantierte Einnahme. In diesem Falle sind das ordentliche Renditen im Retailbanking, die durch die politisch gebremste Konsolidierung gesichert werden. Jeder hat seinen Claim.  

Ottawa hat den Banken zwischen Halifax und Vancouver dafür aber vergleichsweise strenge Regeln aufgebrummt. Sie dürfen für Immobilienkäufe zum Beispiel nur Kredite ausreichen, wenn ihre Kunden mindestens 20% Eigenkapital für das beliehene Objekt mitbringen.

Soll die Fremdfinanzierung doch einmal 80% übersteigen, ist das nur erlaubt, wenn die zusätzlichen Prozentpunkte Kredit garantiert werden, was in dem G7-Land meist die staatliche Mortgage and Housing Corp. übernimmt.

In keinem führenden Industrieland können prozentual so viele Erwerbstätige eine weiterführende Ausbildung nachweisen wie in Ontario

So hatte die Toronto-Dominion Bank (TD Bank) – Kanadas zweitgrößtes Geldhaus – 2009 laut CFO Colleen Johnston 115 Mrd. KAN-Dollar Kredite an den Immobiliensektor in den Büchern, aber lediglich Ausfälle von 10 Mill. Dollar.

Weil Kanadas Banken im jüngsten Finanzquartal die Analysten positiv überraschten und die Risikovorsorge für Wackelkredite drastisch verringerten – Die Royal Bank von 786 Mill. auf 493 Mill. KAN-Dollar – haben sie genügend Munition, um wieder an Wachstum zu denken.

Bei der Toronto-Dominion Bank – dem zweitgrößten Institut im Ahornland – hat man im Vorstand eine Frau mit der strategischen Ausrichtung betraut. Colleen Johnston lässt keinen Zweifel daran aufkommen, wohin sie derzeit schielt.

Mit Blick auf die Vereinigten Staaten sind für die Topmanagerin „Teile aus FDIC-Transaktionen“ interessant, also die Übernahme von Geschäftseinheiten insolventer US-Banken, die von der Einlagensicherung abwickelt werden. Außerdem sondiert Johnston auch „kleinere Übernahmeobjekte“ im Nachbarland USA.

Bei der Produktivität kann Kanada noch Boden gut machen, aber die Steuerschraube wird gelockert, während anderswo der Staat wegen hoher Defizite mehr abkassiert

Geografisch scheint der Blick unter anderem nach Florida zu fallen. Schon am 23. März hatte auch der CEO der Bank of Montreal  (BMO) „ganz klar Gelegenheiten für kleine und mittlere Akquisitionen“ identifiziert. „Wir haben langjährige Wettbewerber, die jetzt abgelenkt sind“, erklärte BMO-CEO Bill Downe.

Beide Banken sind bereits in den USA engagiert. Die TD Bank betreibt dort so viele Zweigstellen wie in Kanada, etwa 1 000. Die BMO hat seit der Übernahme der Harris Bank 1984 rund 2,5 Mrd. KAN-Dollar im Nachbarland investiert.

Die eigentliche Lehre der ausklingenden Finanzkrise ist für die Kreditinstitute im Ahorn-land das Festhalten am angestammten Retailgeschäft.

„Es gibt nur fünf große Banken in Kanada und die Kunden wechseln kaum je die Bank“, erläutert die bei der Royal Bank für strategische Ausrichtung zuständige Vor-standsdame Barbara Stymiest, „daher geht es vor allem darum, wie man die neuen Kunden gewinnt.“

Die Royal Bank, die laut Stymiest bei fast all ihren Dienstleistungen im Ahornland auf einen Marktanteil „von 15-18 %“ kommt, rutschte während der Finanzkrise in der glo-balen Rangiste der größten Banken von Platz 23 auf 13 vor.

„Wir suchen uns gezielt neue Stadtteile und Nachbarschaften für zusätzliche Zweigstellen aus“, sagt auch ihre Vorstandskollegin Johnston bei der TD Bank.

Johnston will ebenfalls das Retailgeschäft weiter ausgebaut sehen. Kein Wunder: Die Bank erzielt fast 80 % ihrer Gewinne in den Schalterhallen. Und obwohl das Geldhaus in den USA und Kanada gleich stark aufgestellt ist, kommen 56 % der Konzernge-winne aus dem kanadischen Retailing. Riskante Transaktionen mit  Derivaten hat die Bank dagegen schon 2005 eingestellt.

Bei zahlreichen Benchmarks in der Geldbranche liegen Kanadas Institute klar vorn.

„Wir sind 2005 komplett aus Papieren mit komplexer Struktur ausgestiegen“, sagt Johnston. Weil Städte wie Toronto und Vancouver jedes Jahr durch Einwanderung um 2 % wachsen, haben es kanadische Banken im Retailbereich natürlich leichter als die Konkurrenz in anderen Industrieländern, die von einer schnell alternden Bevölkerung geplagt werden und mehr auf andere Geschäftssegmente setzen müssen.

Nicht nur die Banken, auch die Regierungen in der Bundeshauptstadt Ottawa und bei der Provinz Ontario wollen die ausklingende Krise als Chance nutzen, um den eigenen Finanzplatz zu stärken.

„Wir wollen vom 12. Rang unter den größten Finanzplätzen der Welt in den kommen-den Jahren unter die ersten 10 aufrücken“, sagt Janet Ecker, die ehemalige Finanz-ministerin von Ontario, derzeit Präsidentin der Toronto Financial Services Alliance.

Hierfür sollen auch ausländische Banken für eine Expansion in Kanada gewonnen wer-den. Ontarios Ministerin für Handel und wirtschaftliche Entwicklung, Sandra Pupatello, verweist darauf, dass die Gewinnsteuern für Firmen von jetzt 31 % bis 2012 auf 25 % sinken sollen.

Und der Finanzminister in Ottawa, Jim Flaherty, winkte vor wenigen Tagen mit Blick auf die in Europa und den USA diskutierte Bankensteuer demonstrativ ab. Er sei „sehr dagegen“, höhere Steuern stünden bei ihm „nicht auf dem Plan“.

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