Verfasst von: markusgaertner | März 2, 2010

Rückruf-Tsunami

Jetzt ruft auch GM über eine Million PKW zurück

Vancouver, 3. März 2010

Es war wirklich nur eine Frage der Zeit. Am Dienstag kündigte General Motors den Rückruf von 1,3 Millionen PKW an. Seit Wochen hatten die US-Medien massiv auf Toyota eingedroschen und den Eindruck erweckt, hier liege ein singuläres Problem des größten japanischen Produzenten vor, oder gar eine japanische Auto-Krankheit. Aber das ist es nicht, auch wenn der

Lieferant, der jetzt GM die Kopfschmerzen verursacht, teilweise Toyota gehört.

Toyota hatte in den vergangenen zwei Wochen 8 Millionen PKW aus dem Verkehr gezogen und in die Werkstätten beordert, mit Problemen die sich vor allem um klemmende Gaspedale drehten. Der Toyota-Präsident -ein schwer gedemütigter Akio Toyoda – musste vor dem US-Kongress einen spektakulären Kotau machen. Das Unternehmen sieht sich mit einer unbekannten Zahl von Klagen konfrontiert. Auch in China wurde in dieser Woche Schadenskontrolle betrieben.

Die Zeitungen in den USA fanden mit Toyota endlich, was sie angesichts der Wirtschaftskrise, die das Land auffrisst, dringen brauchten: Eine Ablenkung und einen Punching Ball zum Draufhauen.

Doch so mancher Beobachter der Branche ist nicht überrascht, dass Toyota jetzt Gesellschaft vom größten US-Produzenten bekommt.

Für Schadenfreude ist da allerdings kein Platz, allenfalls für Schmunzeln über stupide Berichterstattung selbst in etablierten Wirtschaftsblättern.

Denn hier zeigt sich kein originär japanisches oder auf Toyota begrenztes Problem, sondern eines, das jahrelang in der Industrie schwelte: Nicht nur werden die Entwicklungszeiten immer kürzer und damit der Reifeprozess neuer Modelle vor dem Launch. 

Das Hauptproblem in der Industrie ist eine unselige Kombination von zwei Entwicklungen, die sich schon lange abzeichnen: Die drakonischen Sparmaßnahmen, die zu einem Großteil von den OEMs auf deren Lieferanten abgewälzt werden, haben in der Zulieferindustrie eine Fertigung am Rande des Ruins und in konstanter Existenzangst ausgelöst.

Die Zulieferer gehen finanziell auf dem Zahnfleisch, warten monatelang auf die Begleichung von Rechnungen, müssen immer mehr Entwicklungsaufwand übernehmen und sind – das ist der zweite wichtige Aspekt – wegen der strikten Globalisierung der vergangenen Jahrzehnte so weit verzweigt in Europa, den USA und in vielen Entwicklungsländern aufgestellt, dass das Managment der komplex gewordenen Lieferketten in manchen Fällen eine kaum zu beherrschende Herkulesaufgabe geworden ist.

Es ist nicht außergewöhnlich, wenn ein PKW-Hersteller in Tennessee Stahl von einem Werk in Brasilien bezieht, die Pressteile zum Teil aus Mexiko, ein paar Armaturen aus Kanada und einige Chassis-Komponenten oder Antriebstechnik aus Europa.

Ein paar Analysten spekulieren nun, der Rückruf von GM könne eine Folge der verheerenden Publicity sein, die sich Toyota mit seiner miserablen Öffentlichkeitsarbeit  eingehandelt hat.

Doch GM-Vice Chairman Bob Lutz sagt dazu klar, „das Ausmaß des Rückrufs hängt in keiner Weise mit dem Vorgehen anderer Autohersteller zusammen“.

Wäre auch seltsam, wenn der Autoriese, der gerade aus der Intensiv-Station entweicht, 100 Millionen Dollar für eine reine Vorsichtsmaßnahme ausgeben würde.

In den kommenden Monaten werden wir daher weitere – vielleicht sogar noch spektakulärere – Rückrufaktionen sehen, vielleicht von Volkswagen ?, von Peugeot ?, von Nissan ? Wer weiß, die beschriebene Mechanik in dieser krisengebeutelten Branche verschont keinen der Wettbewerber.

Zu den zyklischen Problemen, die mit der leichten globalen Erholung der vergangenen Monate nun etwas weichen, gesellt sich in den kommenden Jahren ein strukturelles: Demografisher Kundenschwund !

Die Vergreisung der westlichen und asiatischen Gesellschaften entreißt dem Markt Millionen von Käufern. Das wird im jüngsten Global Auto Report der Scotiabank in Toronto schön thematisiert (siehe auch unsere ECONCHART-Grafik am Ende des Textes).

Das Wachstum jener Altersgruppe, aus der die meisten Autokäufer stammen, fällt derzeit auf die niedrigsten Zuwachsraten in 50 Jahren zurück.

 

 

Toyota braucht mehr als solche Spielereien, um wieder Tritt im Markt zu fassen - das Unternehmen lockt Kunden jetzt unter anderem mit zinslosen Autokrediten

Die Babyboomer, die zwischen 1946 und 1964 geboren wurden, schraubten in den USA die Autokäufe von 10 Millionen im Jahr 1960 auf einen Spitzenwert von 17,4 Millionen vor Ausbruch der Krise hoch.

Jüngsten Marktanalysen zufolge kommen die „Boomer“ immer noch für über die Hälfte aller Neuwagenkäufe auf und sie stellen 60% aller Fahrer in den USA. Doch diese Altersgruppe geht jetzt nach und nach in Rente. Die Zahl der 65-70jährigen in Nordamerika steigt bis 2015 jedes Jahr um 5%.

Im Gegensatz dazu wächst die Zahl der Autofahrer unter den 16 bis 29 Jahre alten mit den geringsten Raten seit Mitte der 90er Jahre. Historische Zahlenreihen belegen, dass Rentner fast 40% weniger Kilometer fahren als die Altersgruppe der 55-64jährigen.

Reblog this post [with Zemanta]

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Kategorien

%d Bloggern gefällt das: