Verfasst von: markusgaertner | März 1, 2010

Auf die Barrikaden

Offener Brief an den deutschen Mittelstand

Vancouver, 1. März 2010

Ich bin auf die Deutsche Bahn nicht gut zu sprechen. Bei meinem letzten Deutschlandbesuch hat sie 17 Stunden gebraucht, um mich von Dresden nach Karlsruhe zu befördern. Doch jetzt würde ich gerne ein paar Dutzend Sonderzüge reservieren, um damit Tausende von aufgebrachten Mittelständlern aus allen Teilen Deutschlands nach Berlin

zu chauffieren.

Sie, liebe Klein- und Familienunternehmen – und Mittelgewichte der deutschen Firmenlandschaft – Sie sind das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Wie oft wurde das schon gesagt, wie oft wurde es beschworen – und wie wenig bedeutet es, wenn es darauf ankommt, so wie jetzt.

Sie beschäftigen 70% der Arbeitnehmer im Land, bilden 80% der Lehrlinge aus und tragen einen Großteil der Last der auslaufenden Rezession.

Und jetzt werden Sie gerade nach Strich und Faden verhöhnt !

Für viele kleine und mittlere Unternehmen ist die laufende Erholung noch gar nicht spürbar: Eingebrochene Aufträge, insolvente Lieferanten, Banken die abwinken weil sie das Kapital zum spekulieren brauchen, und – aufgezehrtes Eigenkapital.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt aus der ebenso aktuellen wie akuten Realität des Mittelstands. Es bildet längst nicht alles ab, was kleine und mittlere Firmen in dieser weltwirtschaftlichen Umgebung derzeit ertragen.

Während viele Banker immer noch wider besseres Wissen bestreiten, dass es eine Kreditklemme für den Mittelstand gibt, liefert die Europäische Zentralbank dafür den Beweis.

Über die jüngsten Umfrage, die sie im November und Dezember im Mittelstand durchführte, berichtete die EZB vor wenigen Tagen folgendes:

Zwar gaben 71% der KMU an (EU-Schnitt 75%), ihre Kreditanträge seien vollständig oder teilweise genehmigt worden, doch der Anteil der abgelehnten Kreditanträge stieg im 2. Halbjahr 2009 von 6% auf 15% an, hat sich also mehr als verdoppelt !

Und nach Einschätzung der Förderbank KfW soll der Zugang zu Krediten 2010 noch schwieriger werden.

KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch sagte bei der Präsentation der Ergebnisse aus der jüngsten KfW-Umfrage unter deutschen Mittelständlern Mitte Februar, „es besteht die Gefahr, dass der Finanzierungsbedarf im konjunkturellen Aufschwung nicht gedeckt werden kann“.

Wie gut, dass es die Bundesregierung gibt, deren Kanzlerin im regelmäßigen Podcast den Mittelstand beschwört und die eigene Mittelstands-Offensive preist. Teil der Kampagne für die kleinen und mittleren Firmen sind verbesserte Konditionen bei der KfW. Gut so.

Doch ausgerechnet diese Bank ist nun im Gespräch, Garantien für griechische Anleihen zu übernehmen oder gar direkt solche Anleihen zu kaufen.

Shame on you, Bundesregierung !

Jeder Eurocent, den die KfW in solche Papiere stecken würde, könnte sie nicht mehr für den deutschen Mittelstand einsetzen.

Egal welche Erklärungen dazu noch geliefert werden, auch die KfW kann jeden Cent nur einmal ausgeben, investieren oder verleihen.

Mehr noch: Wenn plötzlich so viel Kapital für griechische Anleihen verfügbar ist, warum hat man die Hilfen für den Mittelstand nicht umfangreicher gestaltet, wenn man in Frankfurt eine Verschlechterung der Kreditversorgung befürchtet ?

Liebe Mittelständler: Ihr seid wieder an der Nase herumgeführt worden. Es ist höchste Zeit, die Waggons der Bahn zu buchen.

Auf nach Berlin !!

Macht der Kanzlerin und allen, die angeblich auf Eurer Seite sind – aber lieber die verfehlte Budgetpolitik der griechischen Regierung abfedern – die Hölle heiß.

Lasst die Tomaten zuhause, nehmt jede Menge Oliven mit und streut sie um das Kanzleramt herum aus.

Und wenn einer der wirtschaftspolitischen Flachköpfe darauf ausrutscht und auf den Hinterkopf fällt, wacht er – oder sie – vielleicht wieder aus dem bürokratischen Tiefschlaf oder Starrsinn auf.

Markus Gärtner


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