Verfasst von: markusgaertner | Februar 22, 2010

Bernanke fährt Toyota

Die Fed kann vorerst nicht vom Gas gehen,

der Kreditinfarkt verschärft sich

Vancouver, 23. Februar 2010

OK, OK, die Weltwirtschaft hat die Intensivstation verlassen. Jede der großen Volkswirtschaften hat aufgehört zu schrumpfen. Das größte keynesianische Cocktail in Friedenszeiten – wie es der Economist bezeichnete – hat gewirkt. Einigermaßen gut sogar, wie im Falle der USA gleich mehrere führende

Researchfirmen übereinstimmend feststellen.

IHS Global Insight, Macroeconomic Advisers und Moody´s Economy.com haben die Zahl der Jobs, die mit dem Konjunkturprogramm der Obama-Administration geschaffen wurden, auf 1,6 bis 1,8 Millionen beziffert. Demnach könnte der Effekt noch auf 2,5 Millionen neue Arbeitslätze steigen.

Dennoch ist das lediglich ein Teilerfolg, denn allein in den USA sind seit Ausbruch der Krise 8,4 Millionen Jobs verloren gegangen. Die neu geschaffenen ersetzen also nur jeden fünften, der verschwand.

Mit den Bankenmilliarden gingen auch viele Jobs verloren / "No idea where the money went" - Adam_T4, Flickr

Diese vorläufige Bilanz belegt, wie wichtig das Adrenalin und der zusätzliche Anschub in den großen Volkswirtschaften von Regierungssseite war.

Doch daraus ergibt sich ein ziemliches Dilemma.

Jetzt, wo die begonnene Erholung noch sehr schwach ist, könnte die Drosselung von monetärer und fiskalischer Schützenhilfe zu einem neuen Desaster führen, gerade weil staatliche Flankierung so starke Effekte hat.

Bremsen die Notenbanken zu spät, wird sich das ja auch auf die Inflationsrate auswirken. Welchen ungewollt drastischen Effekt der zu frühe und/oder zu starke Entzug von Stimulus haben könnte, verdeutlicht der Economist mit der Headline zum jüngsten Bericht über das Dilemma: „Der Entzug der Drogen“

Der große Raubzug bei den amerikanischen Verbrauchern - "Banker Man and Tax Man" / Loaf, Flickr

Für die Fed in den USA und einige andere führende Notenbanken kommt nun noch ein kniffliges Problem dazu.

In den USA – und laut dem aktuellen „Trends in Lending Report“ der Bank of England auch in Großbritannien – geht seit Ende 2009 die Kreditmenge in einem nie dagewesenen Tempo zurück. 

Das war ein wichtiger Hinweis, bevor die meisten Banken TARP-Hilfen an die Obama-Administration zurückgezahlt haben

In Großbritannien fiel sie demnach im Dezember um 8,1%. In Amerika schrumpfte sie seit Januar um 100 Mrd. Dollar, sagt der ehemalige Nordamerika-Chefvolkswirt von Merrill Lynch, David Rosenberg. Auch das ist ein Rekord.

Der Zusammenhang mit der eingangs skizzierten Stimulus-Problematik ist klar: Je schneller die Kredite der Banken zurückgehen – und je länger auch – desto mehr könnte der Schuss nach hinten losgehen, wenn jetzt die Fed beginnt, den Fuß vom Gaspedal zu nehmen.

Spötter in den USA wünschen sich, Bernanke würde einen Toyota fahren.

In den USA lastet der Rückgang der Kredite besonders schwer, weil hier der private Konsum 70% zum BIP beiträgt

Dass die Banken sehr bald wieder mehr Kredite an Industrie, Dienstleister und Privathaushalte ausleihen, ist kaum zu erwarten. Denn höhere Kapitalanforderungen sind im Anmarsch und die Ausfallraten auf Kredite für gewerbliche Immobilien nehmen scharf zu.

Diese haben in den USA nach Angaben der auf Immobilien spezialisierten Researchfirma Real Capital Analytics ein 15-Jahreshoch erreicht.

Citigroup-Analysten, darunter Stefan Nedialkov, schätzen, dass 24 europäische Banken, die zusammen auf 70% der Bilanzsumme der Geldbranche in Europa kommen – wegen der Volatilität der Anleihemärkte und den neuen Kapitalrichtlinien nach Basel III – in den kommenden drei Jahren jeweils 240 Milliarden Euro aufnehmen müssen.

Und hier kommt das nächste Problem in der langen Wirkungskette: Wegen des Dramas um Griechenland müssen die Banken künftig mit einiger Wahrscheinlichkeit höhere Zinsen zahlen.

Laut der Citigroup könnten die höheren Kosten für die Kapitalaufnahme 10% der Gewinne erreichen. Die Folgen auf die Kreditvergabe kann man sich auch ohne VWL-Diplom ausmalen. 

Der Kreditinfarkt ist ein globales Thema, wie hier in Marokko - Die Tafel erklärt, wie man Geld für ein Schaf ausleiht / austinevan, Flickr

Mehr noch: In den USA nahm die Geldmenge M3 – die Schattenstatistiker für die Fed weiterführen – in den vergangenen drei Monaten um 5,6% ab. Das ist gar nicht gut, weil diese Größe als guter Indikator für Probleme gilt, die in einem Jahr auf uns zukommen könnten.

Und auch der „Monetary Multiplier“ der Fed, der die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes misst, fiel zuletzt auf ein Rekordtief von 0,81, ein starker Hinweis, dass die Banken noch lange nicht gesund sind.

„Es ist absurd früh, über eine Drosselung des Konjunkturanschubs überhaupt nachzudenken, während die Kredite noch zurückgehen“, sagt Tim Congdon bei International Monetary Research. Auch im jüngsten Statement der Fed ist ein Hinweis auf die kontrahierende Kreditmenge enthalten, ein deutliches Signal, dass sich einige in der Notenbank Gedanken über diesen Trend machen.

Straßenkunst in New York / SliceofNYC, Flickr

Doch bei der Fed scheinen – wie der gelegentlich etwas alarmistische Ambrose Evans-Pritchard beim Telegraph zurecht feststellt – die Falken in den regionalen Fed-Niederlassungen die Oberhand gewonnen zu haben.

Anders ist es nicht zu erklären, warum Ben Bernanke angesichts dieser beunruhigenden Kreditentwicklung solche Ruhe bewahrt.

Kein Wunder also, wenn jetzt auch die APEC in den Chor der Mahner einstimmt und ein bedachtes Timing für den Entzug von Stimulus in den führenden Volkswirtschaften verlangt. Selbst in Asien, das vor den USA und Europa die Rezession hinter sich zu lassen beginnt, hält es der Präsidentder Asiatischen Entwicklungsbank, Haruhiko Kuroda, für angebracht, das Timing für die Exit-Strategien mit äußerster Sorgfalt zu wählen. 

Der wachsende Druck auf die öfentlichen Haushalte wird jedoch dazu führen – vor allem auch unter dem Einfluss der Ouzo-Krise – dass den Politikern nicht nur solche Ratschläge in den Ohren klingeln.

 

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