Verfasst von: markusgaertner | Februar 19, 2010

North Dakota löst die Kreditkrise

Amerikas einzige „sozialistische“ Bank

macht Furore

 Vancouver, 19. Februar 2010

Sie gehört dem Staat, leiht ganz konservativ Kredite aus, macht ordentliche Gewinne und kennt Derivate nur aus den Zeitungen. Geldautomaten betreibt die Bank nicht. Und sie gibt auch keine Kreditkarten aus. Ihre Zentrale steht am Missouri-Fluss in der Stadt Bismarck, und sie hat die Form eines alten Dampfschiffs, wie wir sie aus den verfilmten Abenteuern

von Tom Sawyer und Huckleberry Finn auf dem Mississippi kennen.

Die Bank of North Dakota ist das Produkt eines Bauernaufstandes zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Doch plötzlich, in der laufenden Krise – mit dem sechsten Gewinn in Folge für 2009 – wird die Staatsbank zu einer gefragten Blaupause. Aus ganz Amerika rufen Politiker an und fragen, ob man das Modell kopieren kann …

Verkehrte Welt im kapitalistischen Amerika, wo chinesische Konzepte sonst nur erhebliche Schluckbeschwerden auslösen. 

Die späte Karriere der Bank of North Dakota hat einen guten Grund: Im wirtschaftsliberalen Amerika – dem selbst ernannten Gral des Kapitalismus –  wird immer öfter eine ketzerische Frage gestellt:

Könnte die Gründung staatlicher Geschäftsbanken ein Rezept sein, um aus der Krise herauszukommen, den Kreditinfarkt zu beenden und eine Wiederholung des Subprime-Debakels zu verhindern ? Eine Art chinesisches Staatsmodell gegen die Citigroups, JP Morgans und Goldman Sachsens, die mit riskanten Geschäften die Finanzwelt an den Rand des Agrunds gebracht und die globale Wirtschaft in die tiefste Rezession seit 80 Jahren gerissen haben ?

Die solche Fragen stellen, haben sich aber nicht in China nach Vorbildern umgeschaut, sondern im agrarisch geprägten Hinterland der USA, in North Dakota.

Der Bundesstaat hat gerade einmal 640.000 Einwohner, so viele wie Frankfurt. Er wird von der Landwirtschaft geprägt. Und von Bauern, die vor 90 Jahren aus Protest gegen die Geldelite der Ostküste ihre eigene Bank gründeten – die Bank of North Dakota.

Das Kreditinstitut verwaltet die Steuereinnahmen und Gebühren des Bundesstaates, erklärt der Präsident der Bank, Eric Hardmeyer im Interview. Das beschert der Bank mit einer Bilanzsumme von vier Milliarden Dollar nicht nur eine solide Basis, sondern auch die Chance, sich in Nischen des Kreditgewerbes zu tummeln, aus denen sich private Geschäftsbanken neuerdings eher zurückziehen, wie etwa  Geldverleih an Studenten und Mittelständler.

Es hat dem plötzlich viel beachteten Geldhaus natürlich geholfen, dass North Dakota mit 4,4% die niedrigste Arbeitslosigkeit in den USA registriert und dank expandierender Ölförderung einen Haushaltsüberschuss erzielt. Doch den Appeal der Bank kann das nicht annähernd erklären.

Das Hauptgeschäft der Bank of North Dakota – die keine Steuern zahlt und nicht der Einlagensicherung unterliegt (weil der Staat für sie garantiert) – besteht darin, als eine Bank anderer Banken zu fungieren:

„Wir sollen mit anderen Banken nicht konkurrieren, sondern mit ihnen zusammen arbeiten“, erläutert Hardmeyer die Aufgabe des Instituts, das er in der Stadt Bismarck seit neun Jahren führt, „die meisten unserer Kredite ergänzen Original-Kredite privater Banken und fördern bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten, die dem Bundesstaat helfen, die Finanzierung von Firmengründungen zum Beispiel“.

Die größte Holstein-Kuh der Welt steht in North Dakota / amanderson2, Flickr

So sieht sich die North Dakota Bank unter anderem als Agentur, die dem Hypothekenmarkt durch den Aufkauf von Schulden zusätzliche Liquidität zur Verfügung stellt. Aber nichts riskantes, wie Hardmeyer betont:

„Wir sind ziemlich konservative Menschen, hier im Mittleren Westen der USA“, sagt der Banker, dessen Vorgänger Gouverneur von North Dakota geworden ist, „wir haben keine Subprimekredite vergeben und uns mit all diesen Derivaten gar nicht befasst, weil wir nichts davon verstehen.  Wir haben das wie Warren Buffett gemacht: Was wir nicht verstehen, fassen wir nicht an“.

Groß, weit, grün, bäuerlich und kaum bevölkert

Das hat der Bank im vergangenen Jahr – in dem 140 Kreditinstitute in den USA die Segel streichen mussten – mit 58,1 Millionen US Dollar den sechsten Rekordgewinn in Folge beschert. Im abgelaufenen Jahrzehnt hat die Bank of North Dakota aus ihren Überschüssen 300 Millionen Dollar in den Haushalt des Bundesstaates überwiesen.

Und welche Lehre hat Herr Hardmeyer aus der Krise gezogen ? „Die Krise hat uns in dem was wir tun bestätigt“, sagt er, „wir waren nie eine Bank, die einen großen Finanzcoup landen will, wir haben eine besondere Mission und wollen nicht wie andere Banken den Aktionärsgewinn maximieren. Der Gewinn ist dann ein nettes Nebenprodukt, wir kommen auf eine Verzinsung unseres Eigenkapitals von 25 bis 26%“.

Hardmeyers Antwort auf die Frage, was seine Bank im Vergleich mit anderen Geld-Dienstleistern auszeichnet, sagt viel über den Zustand der Branche, wo viele – vor allem große Institute – inzwischen das meiste Geld mit Übernahmen, im Eigenhandel und mit riskanten Derivate-Geschäften verdienen:

„Wir haben Einlagen und die geben wir in Form von Krediten zurück in die lokale Wirtschaft. Wir investieren in diese Wirtschaft und lassen sie durch den Kreditmechanismus wachsen“.

Altmodisch, aber solide und erfolgreich, außerdem nützlich für die Gesellschaft.

Eric Hardmeyer, der Präsident der Bank of North Dakota

Kein Wunder, dass eine Bank mit dieser Philosophie und den guten Ergebnissen auch außerhalb von North Dakota plötzlich Aufsehen erregt.

„Ich bekomme jede Menge Anfragen wie wir funktionieren“, sagt Hardmeyer, „auch von Politikern aus Kalifornien, Michigan, New Mexico, Ohio und Washington“. Selbst der Dokumentar-Filmer Michael Moore empfiehlt die Bank auf seiner Webseite.

Michael Moore´s Empfehlung für die Bank of North Dakota auf Twitter

Ein Ausschuss im Parlament des Bundesstaates Vermont hat das Konzept der Bank of North Dakota unterdessen als „beträchtlich verdienstvoll“ bezeichnet und prüft eine Übernahme des Modells.

Und das alles im kapitalistischen Amerika ….

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