Verfasst von: markusgaertner | Februar 16, 2010

Amerikas Bankrott-Paradox

„Er isst sich selbst, der Traurige“                  

(Plautus, in „Truculentus“)

Vancouver, 17. Februar 2010

Die schockierendsten Erkenntnisse liegen oft unentdeckt auf dem Tisch. Ihre Brisanz und Sprengkraft entlarven sie erst, wenn man sie in Ruhe studiert. So ist das mit dem monatlichen „Statement of the Public Debt of the United States“ vo 31. Januar 2010. Herausgeber ist das US-Finanzministerium.

Die vom US-Finanzministerium ausgegebenen Schuldpapiere beliefen sich Ende Januar auf 12, 287 Billionen Dollar. Nichts Neues, wie wir der unentwegt tickenden Schuldenuhr weiter unten entnehmen können, sie steht im Internet.

Die Bombe an dem Monats-Statement ist die mittlere Zeile oben: Dort steht, dass 4,519 Billionen dieser Schulden – also 36,8% – als „Intragovernmental Holdings“ verbucht sind. Im Klartext: Über ein Drittel der Treasuries haben andere Behörden in den USA vom Finanzministerium gekauft.

Ein Blick auf die Liste der größten Gläubiger der USA – nicht allein die ausländischen, wie im vorangegangenen Blog betrachtet – enthüllt: Die USA sammeln den weitaus größten Teil des Kapitals, das sie mit der Ausgabe von Anleihen aufnehmen, bei sich selbst ein !, nicht bei Chinesen und Japanern oder anderen souveränen Gläubigern im Ausland (siehe Grafik).

Allein 8 der inzwischen 12,378 Billionen Treasury-Schulden haben Pensionsfonds, Aktienfonds, lokale US-Regierungen in den Bundesstaaten und die Fed gekauft !

Amerika – so die brisante Ironie – ist zum größten Teil bei sich selbst verschuldet.

Welches Tempo diese Schuldenspirale angenommen hat, kann man bei Besichtigung der US Debt Clock  mal eine Minute in aller Ruhe auf sich wirken lassen. Der Anblick ist so erdrückend wie ein ausgewachsener japanischer Sumo-Ringer im Ring auf einen Vierjährigen wirken würde.

US National Debt Clock as of Feb. 16, 11:25 pm ET

Amerikas Regierung brauchte 191 Jahre – von 1791 bis 1982 – um die erste Billion Dollar Schulden anzuhäufen. Bei der zweiten und dritten dauerte es jeweils nur noch vier Jahre, die Amtszeit eines US-Präsidenten. Als der frisch gewählte George W. Bush 2001 vereidigt wurde, zeigte der Schuldenpegel 5,7 Billionen Dollar an. Als Bush das Weiße Haus verließ, waren 4,9 Billionen dazugekommen. Elf Wochen nach Amtseinführung von Barack Obama waren dank des Konjuturprogramms bereits 600 Milliarden Dollar dazu addiert.

Es ist der verheerende Kreislauf, mehr als die absolute Zahl, der Entsetzen auslöst. Denn die USA saugen ihre eigenen privaten Ersparnisse – wie eine Spinne ihr Opfer – aus. Seit vielen Jahren müssen immer mehr Schulden aufgenommen werden, um die alten zu bedienen, das Rad dreht sich immer schneller.

Um den Kreislauf zu durchbrechen, gibt es nur drei Möglichkeiten: Im schlimmsten Fall den Staatsbankrott, wenn der Schuldendienst eines Tages die laufenden Steuereinnahmen übersteigt. Zweitens, die Inflation, eine Entwertung der Schulden, bis sie wieder erträgliches Maß erreicht haben. Drittens, eine Kombination aus Sparen und höheren Steuern.

"Bringing Dreams to Life" ? - It may be Nightmares

Der Staatsbankrott ist noch eine ferne Gefahr und soll daher an dieser Stelle nicht ausführlich beleuchtet werden.

Eine kontrollierte Inflation, die viele Ökonomen und ausländische Politiker den USA zutrauen und daher für wahrscheinlich halten, würde systematisch die Ersparnisse der Amerikaner entwerten – eine Perspektive, die nach den verheerenden Einbrüchen am Immobilienmarkt und an der Börse sowie hoher Arbeitslosigkeit von immer mehr Amerikanern zurecht als fortgesetzter Raub verstanden würde.

In einer Gesellschaft, in der das untere Zehntel der Gehaltsempfänger bereits 31% Arbeitslosigkeit ertragen muss, könnte das zu extremen sozialen Spannungen, wenn nicht zu Aufständen führen. Das ist keine ferne Vision mehr. 

Eine Kombination aus Sparen und Steuererhöhungen würde das US-Wachstum für viele Jahre belasten, bevor sie Erfolge zeitigen und die Schulden auf ein erträgliches Maß zurückführen würde. Diese Rekapitalisierung ginge zumindest vorübergehend mit Stagnation und Einkommensverlusten einher, bis wieder genügend privates Kapital für eine Expansion der Investitionen in der privaten Witschaft bereit stünde. Die Folge wäre ebenfalls eine lange Durststrecke, auf der es viele Verlierer geben würde.

Doch schon lange davor dürfte ein verhängnisvoller Kreislauf ausgelöst werden, der das ganze Land verschlingen und seine glanzvolle Ära beenden könnte: Durch den immer höheren Aufwand für den Schuldendienst wird immer mehr Kapital von Gütern und Dienstleistungen abgezogen, was die Wirtschaft stranguliert. Die ausgebremste Konjunktur erschwert zusätzlich den Schuldendienst und zerstört schließlich Pensionen und Wertpapier-Anlagen.

Das, so scheint es, ist Amerikas Bankrott-Paradox, aus dem derzeit kein Ausweg sichtbar wird. Ökonomisch gesehen haben die USA eine Auto-Immunkrankheit entwickelt, in deren Folge der Körper die eigene Substanz aufzehrt.

Wichtiger Hinweis: Aufmerksame Leser werden staunend registriert haben, dass im vorangegangenen Blogeintrag „Anleihen zur Raketenabwehr“ in der Grafik unter den größten AUSLÄNDISCHEN Schuldnern der USA an erster Stelle China und an zweiter Stelle Japan rangierten. Dies Angaben bezogen sich auf den November 2009.

Heute, am 16. Februar, publizierte das Treasury neue Zahlen für den Dezember.

Dabei zeigt sich: China ist hinter Japan auf den zweiten Rang der größten ausländischen Gläubiger zurückgefallen, weil es seine Bestände innerhalb eines Monats von 789,6 Mrd. auf 755,4 Mrd. reduziert hat. Japan baute sein Engagement in derselben Zeit von 757,3 Mrd. auf 768,8 Mrd. Dollar aus.

Die Schlussfolgerung aus diesem Wachwechsel ist simpel: Es beruhigt, dass japanische Adressen ihre Treasury-Bestände ausbauen. Doch der beginnende Rückzug der Chinesen weckt Sorgen über einen baldigen Anstieg der Zinsen.

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