Verfasst von: markusgaertner | Februar 14, 2010

Anleihen zur Raketenabwehr

Der Ton zwischen den USA und China                       

wird schärfer

Vancouver, 15. Februar 2010

Strategen nennen die wichtigste globale Beziehung schlicht G2. Gemeint sind die bilateralen Beziehungen zwischen China und den USA. Der Güteraustausch zwischen den beiden Giganten erreicht 400 Mrd. Dollar im Jahr.

Doch in dieser vom Welthandel arrangierten Zwangsehe fliegen derzeit die Fetzen: Die USA wollen für 6,4 Mrd. Dollar Waffen an Taiwan liefern, darunter Patriot-Raketen,

Black Hawk-Hubschrauber und Minenräumer.

Protektionisten in den USA, aber auch kühlere Gemüter wie Barack Obama, wettern derweil wieder mehr gegen den niedrig bewerteten Renminbi. Sie verlangen schroff eine deutliche Aufwertung, die sich China wiederum nicht diktieren lassen will, schon gar nicht in drastischen Schritten.

Die Chinesen klagen im Gegenzug über die Erosion des Dollars, in dem sie 60% ihrer 2,5 Billionen Dollar Devisenreserven angelegt haben. Das Treffen zwischen dem US-Präsidenten und dem Dalai Lama erzürnt ebenfalls die Chinesen, die im Jahr 2009 insgesamt 116 Streitfälle im Umfang von fast 13 Mrd. Dollar mit ihren Handelspartnern austragen mussten, darunter eine rasant steigende Zahl mit den Amerikanern.

Weil er von Republikanern im Kampf gegen den Terrorismus als Weichei beschimpft wird und innenpolitisch im ersten Jahr wenig zu bewegen vermochte, sieht sich Obama gezwungen, außenpolitisch härtere Töne anzuschlagen und resoluter aufzutreten.

Das tut der US-Präsident derzeit vor allem gegenüber China.

Ergebnis: Die Töne werden gereizter. Und in der Volksrepublik fordern schon hochrangige Generäle, US-Staatsanleihen aus chinesischen Beständen in größerem Umfang zu verkaufen, als Vergeltung gegen amerikanische Waffenliegerungen an das aus Pekinger Sicht abtrünnige Taiwan.

Der Staatsrat hat ja bekanntlich die institutionellen Vermögensverwalter Chinas – vor allem die State Administration of Foreign Exchange (SAFE), den Staatsfonds und die führenden Geschäftsbanken angewiesen, nur noch die sichersten US-Papiere mit explizierter Staatsgarantie zu kaufen. 

Kurzum: Zwischen den G2 funkt es ordentlich. Und das während sich die Weltwirtschaft nur unter größten Anstrengungen – und ohne erkennbaren Schwung – vom schlimmsten Einbruch in sechs Jahrzehnten zu erholen beginnt. Doch in den USA liegen die Nerven blank: Die Konjunkturerholung enttäuscht trotz hoher Wachstumszahl im vierten Quartal, wegen der hartnäcktigen Arbeitslosigkeit.

Container für Amerika: Das Verhältnis mit den USA ist angespannt und geht über reine Handelsstreitigkeiten hinaus

Und Chinas Anteil am US-Defizit hat seit der ersten Jahreshälfte 2008 von 30% auf 40% zugenommen. Ein Faktum, das den wachen Augen protektionistisch gesinnter US-Abgeordneter nicht entgeht.

Kein Wunder, dass Wirtschaftsverbände und Organisationen wie der US-China Business Council die Gemüter beruhigen wollen. Zwar wird von niemand eine ernsthafte Eskalation des Streits befürchtet. Doch alle Beteiligten sehen sich vorsichtshalber genötigt, daran zu erinnern was auf dem Spiel steht.

Der Business Council räumt in einem Papier auf seiner Webseite mit dem verbreiteten Vorurteil auf, wonach China hinter dem ganz überwiegenden Teil des Defizits im US-Außenhandel steht.

Doch erstens, so wird dort berechtigterweise zu Protokoll gegeben, kaufen die USA immer mehr jener Güter, die sie früher aus Taiwan, Japan, Korea und Singapur importierten, von China ein, weil viele asiatische Lieferanten und Hersteller selbst Produktion nach China verlegt haben. Unter dem Strich jedoch sei Asien insgesamt für einen deutlich geringeren Teil des US-Handelsdefizits verantwortlich als noch vor zehn Jahren.

Mehr noch: Seit dem Beitritt Chinas zur WTO Ende 2001 sind die US-Exporte nach China um über 300% gestiegen. Der nächstgrößere Zuwachs wurde mit Deutschland verbucht, wohin die US-Exporte in diesem Zeitraum zwar um satte 70% wuchsen, doch eben nur um einen Bruchteil dessen, was mehr nach China geliefert wird.

Der US-Anteil an der globalen Fertigung von Industriegütern liegt demnach seit 1982 stabil über 20%. China hat in dieser Zeit seinen wachsenden Anteil am Weltmarkt zu Lasten von Japan und anderen asiatischen Herstellern ausgebaut, nicht aber zu Lasten der USA.

Auch Banken beschäftigen sich zunehmend mit dem Zoff zwischen dem streitenden G2-Paar, weil Investoren und Anlager besorgt sind, dass in dieser angespannten Zwangsehe mehr als nur ein paar Teller durch die Küche fliegen.

Die Citigroup zum Beispiel sorgt sich in ihrem jüngsten „China Macro View„, dass die Spannungen zwischen dem „streitenden Paar“ zwar nicht zu einem ausgewachsenen Handelskrieg führen dürften, aber sehr wohl eine anstehende Aufwertung des Renminbi verzögern könnten, was die Austarierung globaler Ungleichgewichte in die Länge ziehen könnte.

Die Citigroup hält den Streit für temporär und erwartet, dass er – beeinflusst von den nächsten Wahlen in den USA und der anhaltend hohen Arbeitslosigkeit – noch ein paar Monate schwelen dürfte. Als eine der besten Sicherungen gegen die mögliche Eskalation des Streits sieht man bei der Bank die Tatsache, dass der Anteil Chinas an den Gesamtexporten der USA sich seit 2002 verdoppelt hat. Der riesige Markt im Reich der Mitte ist schlicht zu wichtig und lukrativ für die USA.

Das Risiko in diesem Streit besteht – nüchtern betrachtet – darin, dass die USA tiefer in die Rezession zurückfallen und die protektionistischen Tendenzen stärker werden, während China einen Einbruch nach 30 Jahren Turbo-Konjunktur erleben könnte. Welches Szenario wie wahrscheinlich ist, darüber streiten sich Legionen kluger Ökonomen und Chinakenner.

Die Drei Schluchten: Tut sich im Verhältnis zu den USA ein Abgrund auf ?

Nur ein paar Fakten noch zu Chinas Position als führender Gläubiger amerikanischer Schuldpapiere: Chinas Treasury-Bestände sind im November (jüngste Zahlen des US-Finanzministeriums) gegenüber dem Oktober um 1,1% auf 789.6 Mrd. Dollar zurückgegangen. Seit dem Mai 2009 ist ein tendenziell leichter Rückgang zu beobachten. Davon, dass sich China in größerem Umfang von seinen US Dollar-Papieren trennt, kann aber keine Rede sein.

Bei einem größeren Abverkauf – besonders jetzt, in einer Situation wo die USA in großem Umfang Anleihen verkaufen – könnten die Chinesen einen Preisrutsch auslösen und ihren eigenen Reserven einen empfindlichen Verlust zufügen. Chinas Dollar-denominierte Anleihen haben sich in den vergangenen drei Jahren von 421,1 Mrd. im März 2007 fast verdoppelt.

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