Verfasst von: markusgaertner | Februar 1, 2010

Europäer sind die neuen Chinesen

Sparen in Europa zwischen Sicherheit und Stimulus

Vancouver, 2. Februar 2010

Griechenland wackelt, der Euro schwächelt, die Politik ist zerstritten oder gelähmt, die Märkte noch schwach, die Erholung fraglich, zumindest fragil. Das ist die aktuelle Perspektive eines ganz normalen Straßeneuropäers; in den USA würde man die fiktive Figur „Joe Sixpack“ nennen. Während die Medien – munitioniert von staatlichen Statistikern und bezirzt Wall Street-Chören – der angeblichen

Erholung viel redaktionellen Raum schenken, blicken die Euro-„Joes“ mit ziemlicher Skepsis in die Zukunft.

Bei den Berufsanfängern bis 25 Jahre herrscht in weiten Teilen des Kontinents deprimierende Arbeitslosigkeit. In Davos, unter der Geldelite, herrschte diesmal Ratlosigkeit über den Weg aus der Krise. Ein Handbuch zum Nachbeten, eine Gebrauchsanleitung, gibt es nicht für solch ungewöhnliche ökonomische Entwicklungen. 

Europa Quo Vadis ? / JL Cernadas, Flickr

Die EZB hat gerade eine Pressemeldung über die wirtschaftliche Entwicklung im Euroraum herausgegeben. Darin sticht hervor, dass im dritten Quartal (aktueller geht´s nicht mit so einer Armada von Euro-Beamten ?) 2009 die annualisierte Wachstumsrate des verfügbaren Nettoeinkommens um 3,2% gesunken ist.

An der Wall Street würde man sagen: Klasse, im Vorquartal betrug der Absturz noch satte 4,8%, ein richtiger Green Shoot.

Die Europäer selbst, verunsichert von Warnungen über einen Finanzkollaps in Griechenland und in Erwartung steigender Preise – weil der Euro schwächelt – sparen zunehmend. Sie wollen sich für den Fall wappnen, dass die Rezession wieder die Oberhand über die Wackelerholung gewinnt. Das Herumeiern der Konjunktur an der Nulllinie flößt nicht allzu viel Vertrauen ein.

Mit 15,8% liegt die Sparquote im Euroraum nun drei Mal so hoch wie in den USA, wo sie im November 4,7% erreichte. Kein Wunder, die Amerikaner kommen von einer negativen Sparquote und konsolidieren ihre privaten Familien-Bilanzen angesichts von über sieben Mio. Jobverlusten in der Rezession nur äußerst mühsam.

Selbst im (ehemaligen) Olymp der Sparer, in Japan, ist die Sparquote inzwischen auf 2% abgeschmolzen, von über 10% vor einem Jahrzehnt. Das ist im wesentlichen die Folge einer ergrauenden Bevölkerung und der Tatsache, dass laut EZB mehr als jeder dritte erwerbsfähige Japaner nur einen Zeitvertrag in der Tasche hat. Wer raubt da schon sein Sparbuch aus, oder macht Streckübungen auf der Kreditkarte ? 

Im Klartext: Die Europäer sind jetzt die Chinesen der Welt, was das Sparen angeht, abgesehen von den Chinesen selbst natürlich. Deren Sparquote, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auf über 30% verdoppelte, darf man als temporäre Besonderheit in der aktuellen Entwicklungsstufe des Landes betrachten: Wegen der 1-Kind-Politik, dem Mangel an Konsummöglichkeiten im Hinterland, der privaten Vorsorge für Krankheit.


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