Verfasst von: markusgaertner | Januar 30, 2010

Leere Bänder, volle Lager

Wachstum ohne Käufer und Jobs                            

Vancouver, 31. Januar 2010

Dieser Blog schließt direkt an den vorangegangenen über die „zwei Monster“ Inflation und Deflation an. Wir hatten Google konsultiert und gesehen, dass dort das Suchwort Inflation viel häufiger eingegeben

wird. Doch die Mehrheit täuscht sich mal wieder, zumindest auf kurze Sicht.

Und das hat guten Grund.

Ein sorgfältiger Blick auf die Auslastung der Industrie in führenden Volkswirtschaften enthüllt, was wir kurzfristig erwarten müssen. In der Eurozone sind die Fließbänder derzeit laut EZB nur zu 72,4% ausgelastet. In Deutschland rattern die Fertigungsstraßen nur mit 72% ihrer Kapazität. In den USA sind sie mit 69% Auslastung satte 31% vom Höchsttempo entfernt. In Japan fahren die Fließbänder bei einer Auslastung von 65% fast in Zeitlupe (siehe Grafik).

Das hat den Chefvolkswirt der Weltbank, Justin Lin Yifu, einen sehr schlauen Chinesen, am Freitag zu einer für seine Verhältnisse harschen Warnung genötigt: „Es ist bedeutende Überkapazität aufgebaut worden, und wenn dieser Umstand nicht adressiert wird, werden wir eine Deflationsspirale erleben und die Krise wird sich in die Länge ziehen“.

Die biblische Version der Abwärtsspirale

Das sind nicht die Worte eines kamerasüchtigen Ökonomen, der mal wieder einen schlauen Satz zu Protokoll geben wollte um getwittert zu werden. Justin Lin wägt gut ab, bevor er über solche Ungetüme wie eine Deflationsspirale spricht.

Und er hat nicht einmal alles gesagt: In den USA (siehe Video mit Ex-Arbeitsminister Robert Reich) liegt die Zahl der Wochenstunden derer, die noch Arbeit haben, jetzt bei 33. Das heißt zum einen, dass über den Einkommenseffekt der über 7 Mio. verlorenen Arbeitsplätze hinaus auch noch die geringeren Wochenlöhne auf der Kaufkraft der Amerikaner lasten.

Und nicht nur das, wie Reich zurecht ausführt. Die niedrige Wochenstundenzahl bedeutet auch, dass die Firmen gut 20% mehr produzieren können, bevor sie spürbar mehr Leute einstellen. Doch für diese 20% Produktionssteigerung sind gar nicht die Aufträge in Sicht.

Das heißt, dass viele Firmen für längere Zeit, wahrscheinlich mehr als ein Jahr lang – mit den Beschäftigten auskommen, die sie haben. Und jene, die immer noch wenige Aufträge hereinbringen, werden sehr bald – auch in Deutschland – von der Kurzarbeit abgehen und Entlassungen aussprechen. Reserven und Geduld sind in vielen Fällen aufgezehrt.

That Sinking Feeling

Im Klartext: Stagnierende Arbeitsmärkte und Löhne plus redkordniedrige Auslastung der Firmen, das wird zu weiter sinkenden Industriepreisen – und tendenziell auch Löhnen – führen. Hinzu kommt, dass die Börsen jetzt nach neun Monaten Rally eine Kehrtwende in Richtung Süden beginnen. Auch hier also sinkende Notierungen, Wertverluste. Und dann die Immobilienmärkte: Am US-Markt kamen zuletzt mit dem Einbruch der Verkäufe von existierenden Häusern miserable Signale, es drohen weitere Preisrückgänge und damit Wertverluste.

Auch politisch kommt Gegenwind auf. Welche Regierung in der westlichen Welt wird mit so wenig Widerstand wie vor 10-15 Monaten noch ein Konjunkturpaket und noch ein paar Bailouts und noch mehr Jobprogramme auflegen können, wo sich doch dramatische Einbrüche wie bei der deutschen Gewerbesteuer abzeichnen ? Über einem halben Dutzend europäischer Staaten baumelt schon das Schwert von Rating-Downgrades. Das verheißt eine steigende Zinslast, selbst ohne weitere Schulden. 

Im Klartext: Die reißenden Zähne des Deflationsmonsters sind nicht nur gefletscht, sie graben sich schon in die noch frischen Wunden der angeschlagenen Volkswirtschaften ein.

Methode Bungee: Auch hier gibt es einen Double Dip, bevor man sagt: Yes, I did it !

Hier hilft nur politischer Mut, ein erneuter Kraftakt, der mit großer Mühe organisiert werden muss. Ob unsere politischen Führungen dazu im Augenblick in der Lage sind, ist in vielen Fällen zweifelhaft. Barack Obama kämpft nun mit einer bitteren Verlangsamung und eisigem Gegenwind für seine ohnehin schleichenden Reformen. In Deutschland muss die Bundesregierung eingestehen, dass die in Aussicht gestellten Steuersenkungen vor diesem Hintergrund unverantwortliche Propaganda waren. Jetzt ist eisernes Sparen angesagt, und das kann die von Justin Lin befürchtete Abwärtsspirale noch beschleunigen.

Die Rohstoffpreise sind schon wieder af dem Weg nach Süden. Kein Wunder: In der größten Volkswirtschaft der Welt – den USA – sind die Konsumenten erschöpft und der Präsident will die öffentlichen Ausgaben einfrieren. In der zweitgrößten – in Japan – hat sich die Deflation wie ein Krebsgeschwür eingenistet. In China, der drittgrößten Volkswirtschaft, treten Staatsrat und Notenbank auf die Bremse. In der Eurozone müht sich die Wirtschaft an der Nulllinie entlang.

Ein Cocktail für Inflation ist das vorerst bestimmt nicht, denn die Verbraucher sitzen auf dem Geld aus Angst vor Jobverlust, die Banken leihen wenig aus. Die Firmen sehen bei so geringer Auslastung keinen Grund für ausgedehnte Investitionen. Kurz, alle sitzen auf dem Geld.

Die Spirale, von der Justin Lin spricht, dreht sich bereits. Und sie ist schwer aufzuhalten.


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