Verfasst von: markusgaertner | Januar 28, 2010

Schlachtfest

US-Firmen holzen mehr Jobs ab                                

Vancouver, 28. Januar 2010

Barack Obama hätte deutlicher nicht werden können, als er am Mittwoch in seiner ersten Rede zur Lage der Nation eine Job-Offensive beschwor. „Jobs werden unsere wichtigste Aufgabe im Jahr 2010 sein“, sagte

der US-Präsident. Es war ein unheiliges Timing, dass am selben Tag weitere US-Firmen Entlassungen ankündigten. Seit Tagen melden rezessionsgeplagte US-Konzerne, wie sie mit der Streitaxt ihrer eigenen Belegschaft zuleibe rücken wollen, um angesichts sinkender Gewinn weiter zu sparen.

Home Depot streicht 1.000 Stellen. Der Telekomriese Verizon schneidet gleich 13.000 weg. Time Warner Cable schmeißt 350 Leute in Denver raus. Wal-Mart – der weltgrößte Retailer und eines der US-Unternehmen mit der besten Cash-Position – haut richtig drauf: 11.200 Jobs in der firmeneigenen Lagerhauskette Sam´s Club.

Hey, Mr. President, die haben Dich gar nicht gehört ! Oder vielleicht hast Du die Entwicklung auf der Straße in Amerika immer noch nicht verstanden. Während die Fat Cat-Banker, wie Obama sie nannte, in Davos schwadronieren, verüben die Firmen, die von ihnen keine Kredite bekommen, das nächste Massaker am darnieder liegenden US-Arbeitsmarkt.

Während uns Gesundbeter aus der Finanzbranche weiter ins Reality-TV-zerfressene Gehirn hämmern, dass sich die Lage schon wieder bessert, stellen sich die Firmen auf die zweite Runde der globalen Rezession ein. Erholung ? – No Way ! Denn während die Produktionstruppen rigoros dezimiert werden, nimmt in den USA auch die Wochenstundenzahl bei denen ab, die noch eine Arbeit haben. Gleichzeitig wird wieder mehr gespart, und die Kreditkarten-Budgets haben verordnete Schwindsucht, damit es genügend für die Boni-Junkies gibt.

In den USA sieht das Bild so aus: 43 Staaten meldeten für den Dezember eine steigende Arbeitslosigkeit. In Kalifornien, Idaho und Minnesota blieb die Rate der Arbeitslosen zuletzt gleich, nur in Oklahoma, South Dakota, Iowa und Michigan entspannte sich die Lage leicht. Der Rest: Misery ! Aber die Mainstream-Medien haben sich wieder lediglich auf die Zahl für das ganze Land gestürzt, die blieb mit 10% gleich. Kein Wunder, dass die Zeitungen keiner mehr lesen will, wenn sie nur die langweiligen Cheerleader-Meldungen der Behörden nachbeten, die sowieso jeder von uns gestern schon auf Google gesehen hat.

In Michigan hat einer von sieben im arbeitsfähigen Alter keinen Job. Das ist die brutale Realität. Kaum einer aus Amerikas IQ-Elite, Wissenschaft, Wirtschaft oder Finanzoligarchie kommt aus seinem Loch heraus und bezeichnet die Krise als das was sie ist, ein großer Albtraum, der das Land zu verschlingen droht. Nein, alle werden sie am Freitag in große Euphorie ausbrechen, wenn die BIP-Zahl für das vierte Quartal 2009 gemeldet wird, mit einer dicken 5 oder 6 vor dem Komma.

Keine Rede wird davon sein, dass zwei Drittel dieses Wachstums wachsende Lagerbestände unverkaufter Produkte sind, dass steigende Energie- und Rohstoffpreise die wahre wirtschaftliche Leistung inflationieren, und dass diese „Erholung“ mit einem Schlachtfest am Arbeitsmarkt einhergeht. Das Verhältnis (siehe Grafik) zwischen der Zahl der Beschäftigten und der Bevölkerung, also der Anteil der über-16-jährigen mit Jobs an allen Amerikanern ist so niedrig wie seit 1983 nicht mehr. Das sind Zahlen des Bureau of Labor Statistics.

Eine der wenigen in Amerika, die das Gewissen noch stark genug drückt, um über das ganze Desaster in die Mikrofone zu sprechen, ist die Harvard-Professorin Elizabeth Warren, die sich als „Bailout Watchdog„, als der Schießhund des Kongresses zur Kontrolle der Ausgaben für Konjunktur- und Bankenrettung, redlich und fast stur Gehör verschafft. Warren trat am Dienstag bei Jon Stewart in der Daily Show auf, und las der raffenden Polit- und Wirtschaftselite des Landes so richtig die Leviten.

„Es ist ganz simpel“, sagte sie, „wir haben Amerikas Mittelstand zerhackt und kleingeschnitten wie eine Salami, das geht jetzt seit 30 Jahren so. Und jetzt geht´s eben nicht mehr weiter so. Entweder wir ändern etwas, oder das Spiel ist aus“. Deutlicher kann man vor einem Kollaps des Mittelstands in dem Land nicht warnen.

Erstaunlich wenige Amerikaner, die es vom Intellekt und ihrer Faktenkenntnis her könnten, hauen so auf den Putz. Es gilt einfach als unamerikanisch, in Zeiten des Krieges – und Amerika führt derzeit zwei Kriege – die Führung zu kritisieren. Und Obama hat – trotz kollabierender Umfragewerte – immer noch mehr Zustimmung im Volk als die meisten seiner Vorgänger am Ende des ersten Jahres im Weißen Haus.

Einer der wenigen, die die ganze Misere benennen, ist Adam Neiman, der über die Anti-Kriegs-Bewegung und politische Arbeit für Jimmy Carter in die Wirtschaft kam. Sein Unternehmen, No Sweat Apparel, stellt Schuhe und Bekleidung in Fabriken her, die entwürdigende Bezahlung und Behandlung von Arbeitern – wie in vielen „Sweatshops“ in Schwellenländern der Fall – vermeiden.

Der Aktivist schreibt in der Huffington Post, der weltweit führenden Online-Zeitung, eine Kolumne. Dort hat er am Mittwoch zu Protokoll gegeben: „Unsere Kinder sind böse auf uns. Nie in der Geschichte unserer Nation hat eine einzige Generation so viel Wohlstand verpulvert.“


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