Verfasst von: markusgaertner | Januar 19, 2010

Anti-Obama DOW

Gewinne, Gewinne, und das Land geht zum Teufel                                   

Vancouver, 20. Januar 2010

Es waren Big Pharma und Obama. Der Dow Jones-Index hatte am Dienstag zwei Treiber, beide hatten direkt etwas miteinander zu tun. Um es vorwegzunehmen, mich hat der heutige Sprung des DOW angewidert. Denn er war der bislang deutlichste Beweis, dass der Geldelite der angeschlagenen Supermacht mehr

an ihrer Spielwiese liegt als am Gedeihen des Landes. Es ist nachvollziehbar, warum die Aussicht auf einen Republikaner als Sieger der Senatorenwahl in Massachusetts den Pharmafirmen in der Börsensitzung half.

Es ist logisch, davon auszugehen, dass der Sieg des Demokraten Scott Brown in Massachusetts als Nachfolger des verstorbenen Ted Kennedy die Gesundheitsreform in den USA gefährdet und damit den Pharmafirmen zusätzliche Kosten erspart. Der Grund für diese Annahme liegt auf der Hand. Ohne die 60 Stimmen, die die Demokraten brauchen, um im Senat die Filibuster genannte Verzögerungstaktik der Republikaner zu vermeiden, könnte Obamas Gesundheitsreform durchaus in den kommenden Monaten an die Wand fahren.

Scott Browns Siegesrede am Dienstag abend ist auf diesem CBS NEWS-Video zu sehen

Das ist es, was mich heute richtig entsetzt hat, und was mir bislang keiner erklären kann: Aus welchem Grund sollte ein geschwächter US-Präsident, der noch drei Amtsjahre vor sich hat, in einem Land das im Krieg ist und die größte Wirtschaftskrise seit 80 Jahren bestehen muss, für die Kapitalmärkte eine gute Nachricht sein ? Es beschleicht mich, dass die Antwort doch relativ simpel ist, warum die Börse selbst diesen Aspekt ignorieren und bei der heutigen DOW-Party von 115 Pluspunkten locker mitfeiern kann.

Der Geldelite des Landes kann es nicht nur ziemlich egal sein, wie Obama mit einer nun fragilen Mehrheit im Kongress weiter schwierige Politik gestalten soll. Entpuppt sich Obama als lahme Ente, kann man den DOW ja auch shorten, Geld ist an der Börse immer zu verdienen. Und wenn die Republikaner weiter Aufwind haben, umso besser: Das kann aus der Sicht der am besten verdienenden 10% im Land nur von Vorteil sein, denn es heißt weniger Staat, weniger Steuern, besseres Munkeln in den Korridoren der Macht. Why bother ? What the Heck !, wie die Amerikaner sagen, wenn sie etwas nicht juckt.

Doch wenn im Weißen Haus eine lahme Ente residiert, obwohl der aktuelle Präsident mit einer satten Mehrheit gewählt wurde und obwohl er ein ungeheuer starkes Reformmandat mit bekommen hat, dann heißt das auch: Das Land kann sehr leicht tiefer im Schuldenturm versinken als bisher, die Banken zu zähmen wird zudem sehr viel schwieriger und damit eine Wiederholung der Finanzkrise – vor der viele Experten bis hin zu Nobelpreisträger Paul Krugman eindringlich warnen – sogar wahrscheinlicher.

Ganz zu schweigen von wichtigen ausstehenden Reformen wie Ausbildung, Infrastruktur, erneuerbare Energien oder dem dringend notwendigen Zurückdrängen der Einfluss-Industrie in Washington. Das alles scheint jetzt fraglich, während im Lager der Republikaner – zurecht und verständlich – die Sektkorken knallen.

Kann die Börse wirklich einen politischen Kriechgang oder gar Stillstand in dieser schwierigen Zeit in Washington brauchen ? Wenn ihre institutionellen Player sich gelegentlich daran erinnern, dass ein ausgehöhltes Land mit stagnierenden Löhnen, entkernter Industriebasis und entfesselter Finanzindustrie enorme Risiken mit sich bringt, könnte die Antwort durchaus anders ausfallen als es am Dienstag der Fall war. Die Zeit für diesen Reifeprozess scheint aber noch nicht gekommen. Gut für die Pharmaaktien, schlecht für den Rest von Amerika. Heute hat auch das Weiße Haus einiges von seinem Immobilienwert verloren ….


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