Verfasst von: markusgaertner | Dezember 9, 2009

Volckers Ohrfeige

Dunkle Wolken am Gewinn-Horizont                                                                              

Vancouver  9. Dezember 2009

Die Firmengewinne waren einer – vielleicht DER – stärkste Treiber der Börsenrally, die im März begann. Kein Wunder, zahlreiche positive Faktoren begünstigten und begünstigen das Geschäft der Unternehmen in den

USA. Der schwache Dollar subventioniert die Gewinne massiv. Firmen, die wie IBM 66% ihrer Erlöse am Weltmarkt erzielen, bekommen bei der Repatriierung ihrer Einnahmen mehr und mehr Dollar, wenn sie zurück in die heimische Währung tauschen.

Mehr noch: Die enorme Entlassungswelle, die über Amerika hereinbrach, hat die Zuwächse bei den Kosten der Beschäftigung laut der Dallas-Fed gegenüber dem 3-Jahresschnitt fast halbiert. Der schwache Arbeitsmarkt drückt die Löhne. Die durchschnittlichen Stundenlöhne sind im November gegenüber dem Vormonat nur noch um 0,05% gestiegen, ein Sechstel des Anstiegs im Schnitt der letzten drei Jahre, sagt das Bureau of Labor Statistics. Und weil die Produktivität nach den jüngsten Entlassungswellen rasant zugenommen hat – im zweiten Quartal um über 6%, im dritten Quartal 8,1% – sind die Lohnstückkosten regelrecht eingebrochen, allein im September-Quartal um 2,5%.

Doch in den vergangenen Monaten hat sich die Wucht der Rezession unweigerlich verringert. Im November hat die US-Wirtschaft nur noch 11.000 Jobs verloren. Diese Verbesserung ist erfreulich, aber sie dreht den Spieß bei den Gewinnen nun um. Denn weniger Entlassungen können die Gewinnsituation nicht mehr so stark beeinflussen.

Darauf hat jetzt auch der renommierte US-Ökonom David Rosenberg hingewiesen. In seinem jüngsten Blog mit dem Titel „10 Gründe, warum die Börsenrally vorbei ist„, stellt er gleich an zweiter Stelle fest, die Ära sinkender Lohnstückkosten und expandierender Gewinnmargen gehe zu Ende. Kein gutes Omen für die nächste Berichtssaison an der Wall Street. Übrigens: An erster Stelle nennt Rosenberg den Gegenwind, der sich für die Aktienkurse daraus ergeben wird, dass am Markt immer öfter über die Exit-Strategie der Fed gesprochen wird.

Doch während Ben Bernanke die ersten Hubschrauberpiloten seiner Armada zurück beordert und die meisten Ökonomen die Rezession für beendet erklären – 81% unter den jüngst von der National Association of Business Economics befragten – wächst in der Bevölkerung der Pessimismus.  84% der Amerikaner sind laut einer am Mittwoch publizierten CNN-Umfrage der Meinung, die Rezession sei noch nicht vorbei:

NEW YORK (CNNMoney.com) — Economists are in broad agreement that the Great Recession is over. The American public strongly disagrees. In a poll of more than 1,000 Americans conducted late last week by CNN/Opinion Research Corporation, 84% of those surveyed believe that the economy is still in recession. That’s a slight improvement from the 87% who believed there was still a recession in the September survey, but it is almost the opposite view of the nation’s economists.

Demnach sehen nur 15% der Befragten eine Erholung der Konjunktur, 39% erwarten eine Fortsetzung der Rezession. Im Vormonat hatten bei der gleichlautenden Umfrage von CNN noch 36% gesagt, die Lage verschlechtere sich weiter.

Unabhängig von vielen Analysten-Prognosen, die eine Verbesserung attestieren, braut sich jedoch offenbar wieder einiges zusammen. Das belegen Meldungen der vergangenen Tage.

Nicht nur gingen die Auftragseingänge in Deutschland im November überraschend um 2,1% zurück, auch die Industrieproduktion sank – im Oktober – unerwartet, um 1,8%. Hier haben wir wieder eines der vielen Beispiele für die glänzende Arbeit vieler professioneller Konjunktur-Gucker: Die Prognose der Ökonomen, die Produktion werde um 1% zunehmen, wurde um 280% verpasst !

Gleichzeitig verunsichert Dubai wieder, nachdem der Immobilienentwickler Nakheel – Bauherr der berühmten Palmeninsel – 3,65 Mrd. Dollar Verlust für das erste Halbjahr auswies. Außerdem warnte Moody´s, die erodierenden Staatsfinanzen in den USA und Großbritannien könnten das Aaa-Gütesiegel testen, während Fitch das Rating von Griechenland herabsetzte.

Dazu kommt Ben Bernankes Eingeständnis vor dem Wirtschaftsclub in Washington zu Wochenbeginn, die Konjunktur müsse mit „erheblichem Gegenwind“ rechnen. Und schließlich, Japans jüngstes Konjunkturpaket  im Umfang von 81 Mrd. Dollar, ein Kraftakt, den sich die neue Regierung angesichts der ohnehin schon horrenden Staatsdefizite lieber erspart hätte, wenn die Dinge besser stünden. Doch sie sind es nicht: In dieser Woche kam das ebenso vielsagende wie folgenschwere Eingeständnis, dass das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal nicht wie vor einem Monat berichtet, um 4,8% wuchs, sondern lediglich um schlappe 1,3%. Die konjunkturelle Dynamik beträgt also nicht einmal ein Drittel dessen, was die Märkte nach der ersten BIP-Meldung zurecht bejubelt hatten.

Währenddessen sorgt der ehemalige Fed-Chef Paul Volcker wieder mal für Aufsehen. Der Altmeister unter den nicht mehr ganz kritiklos geschätzten Notenbank-Präsidenten wurde ja in der Obama-Administration als Präsident des Economic Recovery Advisory Board ziemlich kalt gestellt. Die ganze Bitterkeit, die das bei dem ungemein erfahrenen Mann hervorrufen muss, brach offenbar am Dienstag bei einer Konferenz von Topbankern in Sussex heraus, als Volcker den erstaunten – und sicher nicht begeisterten – Bankern die Leviten las. Unter Anspielung auf die emotionale Diskussion über hohe Banker-Boni fragte Volcker in die Runde: „Hat es eigentlich einen Topmann in der Finanzbranche gegeben, der die Bezahlungen für exzessiv erklärt hat ?, wachen Sie auf Gentlemen, Ihre Reaktion – kann ich nur sagen – war völlig unzureichend“.

Volcker, der die Fed von 1979 bis 1987 leitete, konterte bei seinem Ausbruch auch Hinweise aus dem Finanzsektor, wonach strengere Regulierung die Innovationskraft der Geldbranche schwächen würde. Die größte Innovation der Industrie in 20 Jahren – so Volcker – sei der Geldautomat gewesen. Den wachsenden Anteil der Gelddienstleister am Bruttoinlandsprodukt quittierte Volcker vor seinem verdutzten Publikum mit der Frage, „ist das eine Reflexion Ihrer Innovationskraft, oder einfach nur eine Reflexion Ihrer Gehälter ?“


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