Verfasst von: markusgaertner | Dezember 3, 2009

Mittelstand adé

Am wirtschaftlichen Abgrund    

Vancouver  4. Dezember 2009

Führende Blogger in den USA machen sich seit Wochen lustig darüber, wie weit sich die haussierende Wall Street von der ernüchternden Realität entfernt hat.  Philip Davis auf SeekingAlpha scherzte zu Wochenbeginn über die unbeirrt steigenden Aktienkurse, „vielleicht ist ja die ganze

Weltwirtschaft too big to fail“, die Entschuldigung, mit der die teuren Rettungsaktionen Ende 2008 für Wall Street-Banken gerechtfertigt wurden. Heute ging der Dow Jones in der letzten Handelsstunde um fast 90 Punkte in die Knie. Die Begründung von BLOOMBERG dafür sagt vieles über den Stand der Dinge in der größten Volkswirtschaft der Welt aus:

Dec. 3 (Bloomberg) — Stocks fell, ending a three-day gain, as an unexpected contraction in American service industries spurred concern the economic recovery is faltering. Treasuries declined as the U.S. said it will sell $74 billion of notes and bonds next week, while oil and the dollar were little changed.

Was die Börsianer langsam offenbar doch zur Raison bringt, ist der miserable Zustand der US-Konsumenten. Die halten sich, obwohl seit Monaten im Einzelhandel Preiskämpfe für Weihnachten wogen, die Rabattschlachten immer unerbittlicher werden und der Handel das Abwrackprämien-Modell für so ziemlich alles von Möbeln bis zu Hörgeräten übernommen hat, stark mit dem Kauf von Geschenken zurück. Das brisante Eingeständnis von US-Präsident Barack Obama beim Jobgipfel in Washington am Donnerstag – „unsere Möglichkeiten sind begrenzt“ – trug sicher auch nicht dazu bei, die Laune der vielen Millionen Amerikaner, deren Familienkasse einem enormen Stresstest unterzogen wird, zu verbessern.

Hier scheint sich ein junger Trend schon wieder umzukehren. Wir hatten berichtet („Konsum-Alarm“ am 29. November), dass die US-Verbraucher seit Juli wieder mehr ausgeben als sie verdienen. Die Bereitschaft dazu war der ausgeprägten und erfolgreichen „Green Shoot“-Gute-Laune-und-Erholungs-Kampagne der Wall Street-Cheerleader seit dem Frühjahr zu verdanken.

Im Handel und bei anderen Dienstleistern sieht man nun jedoch schweren Zeiten entgegen. Das belegt die neueste Zahl des Instituts für Supply Management in Arizona. Demnach sank das Stimmungsbarometer im US-Service-Sektor im Oktober wieder unter die Marke von 50 Punkten und markiert mit jetzt 48,7 eine Rückkehr in Rezessions-Territorium.

Große Einzelhändler wie die Kaufhauskette Macy´s hatten schon am Mittwoch gemeldet, dass ihr Novemberumsatz zwischen 6 und 13% unter Vorjahr liegt. Im schlimmsten Fall ist den Konsumenten vor Weihnachten die Luft ausgegangen. Das wäre für Handel, Gastronomie und andere Dienstleister ein Desaster.

Aufmerksame Beobachter, die nicht allen Zahlen aus den US-Behörden Glauben schenken, wundern sich darüber kaum. Es ist auch kein Zufall, dass kritische und negative Bestandsaufnahmen der Konjunktur in diesen Tagen zunehmen. Der Tenor: Die Obama-Administration hat sich viel zu sehr um die Banken und die Wall Street gekümmert und dabei die „Main Street“, also die Straße, vernachlässigt.

Heute mischte sich in den Chor eine sehr bekannte und respektierte Stimme. Es ist die der Harvard-Professorin Elizabeth Warren. Sie sitzt jenem Aufsichtsgremium vor, das der US-Kongress zur Kontrolle des riesigen Bailout-Programms eingesetzt hat. Warren griff in gewohnter Deutlichkeit in die Tasten, überraschte aber dennoch mit der Bedrücktheit, die aus ihren Zeilen spricht.

In der Huffington Post, einer der schillerndsten Online-Newsseiten in den USA, schreibt Warren über ein „Amerika ohne Mittelklasse“. Eine wahrhaft deprimierende Illustration der Zustände. Ihr Eingangsfazit lautet so:

Today, one in five Americans is unemployed, underemployed or just plain out of work. One in nine families can’t make the minimum payment on their credit cards. One in eight mortgages is in default or foreclosure. One in eight Americans is on food stamps. More than 120,000 families are filing for bankruptcy every month. The economic crisis has wiped more than $5 trillion from pensions and savings, has left family balance sheets upside down, and threatens to put ten million homeowners out on the street.

Etwas später beschreibt Warren, wie die Amerikaner – trotz sinkender Preise für Nahrung, Bekleidung und Hausgeräte in den vergangenen Jahren ihre Ersparnisse aufzehren mussten und sich zusätzliche Jobs zugelegt haben, um eskalierende Kosten für Gesundheit und Ausbildung abzufangen und am Ende sozial doch nicht besser dazustehen:

To cope, millions of families put a second parent into the workforce. But higher housing and medical costs combined with new expenses for child care, the costs of a second car to get to work and higher taxes combined to squeeze families even harder. Even with two incomes, they tightened their belts. Families today spend less than they did a generation ago on food, clothing, furniture, appliances, and other flexible purchases — but it hasn’t been enough to save them. Today’s families have spent all their income, have spent all their savings, and have gone into debt to pay for college, to cover serious medical problems, and just to stay afloat a little while longer.

Das Fazit von Warren: Der amerikanische Traum ist zu einem Albtraum geworden, in dem verfehlte Politik sowie eine klaffende Einkommenslücke und ständig wachsende Schulden Amerikas Mittelstand zu verschlingen drohen:

America today has plenty of rich and super-rich. But it has far more families who did all the right things, but who still have no real security. Going to college and finding a good job no longer guarantee economic safety. Paying for a child’s education and setting aside enough for a decent retirement have become distant dreams. Tens of millions of once-secure middle class families now live paycheck to paycheck, watching as their debts pile up and worrying about whether a pink slip or a bad diagnosis will send them hurtling over an economic cliff.

Die Infografik ist in voller Größe auf meiner Homepage www.markusgaertner.com und in meiner SLIDESHARE-Galerie  www.slideshare.net/markusgaertner zu sehen – dort können Sie das RSS FEED nutzen, um alle neuen Grafiken automatisch zu bekommen.


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