Verfasst von: markusgaertner | November 26, 2009

„50 Mal Madoff“

Willkommen im großen Öl-Kasino                                                            

Vancouver  27. November 2009

Philip Davis ist einer der Stars in meinem Lieblings-Blog in den USA, Seeking Alpha. Das Wirtschafts- und Finanzforum bietet eine Fülle aktueller Berichte und Kommentare zur Weltwirtschaft und den Finanz- und Kapitalmärkten. Einer der unterhaltsamsten, kenntnisreichsten und auch kritischsten Kommentatoren dort ist Davis, der sich selbst kürzlich in einem Interview so portraitierte:

Once upon a time I was Director of Network Sales at Intelligent Electronics, who were acquired by IM back in 1997. I was there in the 80s, when you actually had to be quite a geek to design a computer network and I was a real technophile back in the bad old days of computing. I left that job to start Delphi Consulting with my father, who was a Systems Analyst and in the mid 90s I started a Real Estate Data company called Accu-Search which grew big enough to be acquired by DataTrace (a division of FAF) in 2004. After that I concentrated on General Corporate (sales, efficiency) and M&A consulting and, of course investing.

Davis hat mit einem seiner jüngsten Blogs noch weitaus mehr Wellen geschlagen als sonst. Unter der Überschrift „The Global Oil Scam“ beschreibt er eine Verschwörung von unter anderen Goldman Sachs, Shell und der Deutsche Bank, die laut seiner Beobachtung auf der Online-Handelsplattform „Intercontinental Exchange“ (ICE) – abseits des Geltungsbereichs von US-Gesetzen mit Pingpong-Deals ohne jegliches Risiko, und ohne je die Ware physisch in Empfang zu nehmen, den Ölpreis hochschaukeln. Kein Tropfen des „Schwarzen Goldes“ wechselt dabei jemals die Hände, die Karussell-Käufe suggerieren den Kapitalmärkten aber großes Interesse und geben damit Kaufsignale.

Die von Davis als „Roundtrip-Trades“ bezeichneten Deals sollen maßgeblich dazu beigetragen haben, den Ölpreis von 35 Dollar je Barrel zu Jahresbeginn auf fast 80 Dollar im November zu treiben. Das Schema zur Preis-Eskalation, das Davis „massiven Betrug“ nennt, soll Verbrauchern überall auf der Welt zusätzliche Kosten im Umfang von 2.500 Milliarden Dollar beschert haben, 50 Mal so viel Schaden wie der Betrugsfall Madoff.

Das Volumen des Fiktiv-Handels wird von Davis in Beispielen, die er liefert, mit bis zu 80% des gesamten Handels in bestimmten Rohstoffen veranschlagt. Im Jahr 2008 sollen nach Untersuchungen des Congressional Research Service, dem Recherche-Dienst des US-Kongresses – dessen traumhafte Hilfe ich 1987 ein Jahr lang als Praktikant von Dick Cheney in Anspruch nehmen durfte – an der Cyberbörse ICE bis zu 260 Milliarden Dollar in Öl investiert worden sein. Während dieser Zeit betrug der Wert des aus der Nordsee gepumpten Öls  höchstens 5 Milliarden Dollar.

Auf die ICE-Daten habe ich keinen Zugriff. Aber ein genauer Blick auf die verfügbaren Zahlenreihen der Internationalen Energie Agentur und der Statistiken des US-Energieministeriums belegt ganz klar: Nachfrage und Angebot am physischen Ölmarkt rechtfertigen in keiner Weise die Verdoppelung des Ölpreises im laufenden Jahr 2009.

Die Käufe der USA am Weltmarkt lagen im Oktober 22% unter dem Volumen desselben Vorjahresmonats (siehe Grafik). Die USA führen als größter Nettoimporteur der Welt allein drei Mal so viel Öl vom Weltmarkt ein wie die Nummer drei, China. Die Volksrepublik, die 2008 monatlich im Schnitt noch 3,9 Millionen Barrel pro Tag importierte, führte im Oktober zwar bereits 4,5 Millionen Barrel ein. Doch das waren im Jahresvergleich der beiden Oktobermonate gerade einmal 5% mehr. China kaufte 2008 am Weltmarkt pro Tag nur ein Drittel so viel Öl ein wie die USA, inzwischen rund halb so viel. Im KLartext: Chinas Mehrverbrauch hat den deutlichen Importrückgang der USA bei weitem nicht aufgeholt.

Mehr noch: Auch Japans Einfuhren – Nippon ist der zweitgrößte Ölimporteur der Welt – gehen stark zurück. Im Oktober lagen sie mit 3,3 Millionen Barrel pro Tag 18% unter dem Wert für Oktober 2008.

Der physische Ölmarkt liefert also für die Rally der Ölpreise keine Begründung. Der Ölpreis hat sich verselbständigt, er wird von Spekulation getrieben. Sicher hat das auch mit dem Wertverfall des US-Dollars zu tun und mit dem rasanten Anstieg der Goldnotierungen. Öl ist zu einem Risiko-Barometer geworden.

Aber wenn die Berechnungen von Davis stimmen, zahlt jeder europäische und amerikanische Autofahrer pro Tankfüllung wegen der ICE-Schiebereien 15-30 Euro mehr.

Die Infografik ist in voller Größe auf meiner Homepage www.markusgaertner.com, im XING-Profil www.xing.com/profile/Markus_Gaertner13 („Referenzen …“) und für Mitglieder der Plattform auch in meiner LinkedIn-Galerie zu sehen.

 


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